SPANISCHE TEMPUSFORMEN DER VERGANGENHEIT: EINLEITUNG

 

Rainer Kuttert

 

klak 14/ 2003

 

1. Terminologie und Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes

 

Die Termini ,,perfecto simple”, ,,perfecto compuesto” und ,,imperfecto”, im Verlauf der Arbeit jeweils abgekürzt als perf simple, perf comp und imp, sollen nicht als Namen von Morphemen im Sinne von Klassen ihrer jeweiligen Allomorphe verstanden werden, sondern wie in den traditionell orientierten Grammatiken für flektierende Sprachen - und das Spanische ist, was das Verbalsystem anbetrifft, eine solche flektierende Sprache - als Subkategorien der Flexionskategorie Tempus im Indikativ. Zusammen mit den Subkategorien der anderen Flexionskategorie Person/Numerus gestatten die Subkategorien der Flexionskategorie Tempus es, auf einer morphologischen Repräsentationsebene jede finite (Wort-)Form des Indikativs eines Verblexems eindeutig zu klassifizieren; die solcherart nach den (morphologischen) Dimensionen Tempus und Person/Numerus klassifizierten Formen eines Verblexems bilden das Indikativparadigma des betreffenden Verblexems[1]. So wird z.B. die Form ,cant-á-ba-mos’ auf der morphologischen Repräsentationsebene als 1.a. persona de plural del imperfecto de indicativo des Verblexems der 1.Konjugation ,cantar’[2] klassifiziert.

 

Bei diesem Verständnis der in Frage stehenden grammatischen Termini wird perf comp als weitere auf gleicher Stufe mit perf simple und imp stehende Subkategone der Flexionakategorle Tempus aufgefaßt, obwohl die zugehörigen Formen als aus einer presente-Form des Verbs ,haber’ und der participio-Form des jeweiligen Verblexems zusammengesetzt beschrieben werden können. Der Grund dafür, die aus einer presente-Form von ,haber’ und der participio-Form des jeweiligen Verblexems zusammengesetzten perf comp Formen und die aus einer einzigen Wortform bestehenden perf simple- und imp-Formen gleichzubehandeln, besteht in der Annahme, daß die zusammengesetzten Tempusformen ebenso wie die einfachen Tempusformen sowohl unter einem semantischen Gesichtspunkt als auch unter denjenigen syntaktischen Gesichtspunkten, die für die Differenzierung der verschiedenen Tempusformen von Relevanz sein können, als Einheiten behandelt werden sollen. Diese Auffassung liegt auch implizit der Praxis der meisten traditionell orientierten Grammatiken zugrunde, wo sowohl einfache wie zusammengesetzte Tempusformen dem Paradigma des jeweiligen Verblexems zugerechnet werden[3]. Mit dieser Behandlung von perf comp als weitere Subkategorie der Flexionskategorie Tempus neben perf simple und imp wird auch die Möglichkeit verworfen, die Bedeutung von perf comp-Formen aus der Kombination der presente-Form des als Vollverb aufgefaßten Lexems ,haber’ und der participio-Form eines beliebigen anderen Verblexems bzw. aus der Kombination der beiden grammatischen Formative presente und ‚haber-do’ abzuleiten, letzteres übrigens eine Lösung, wie sie in vielen transformationellen Grammatiken vorgeschlagen wird [4]. Die Gleichbehandlung der zu-sammengesetzten perf comp-Formen einerseits und der einfachen perf simple- und imp-Formen andererseits findet darüber hinaus noch.seine Berechtigung in der Tatsache, daß, wie wir im Verlauf der Arbeit sehen werden, unter bestimmten Bedingungen einfache und zusammengesetzte Tempus formen füreinander substituiert werden können.

 

Bei der Wahl der Termini für die uns in dieser Arbeit beschäftigenden Tempusformen haben wir uns an die Nomenklatur der Akademiegrammatik von 1973 angelehnt, die die betreffenden Tempusformen als pretérito perfecto simple, pretérito perfecto compuesto und pretérito imperfecto klassifiziert. Mit der Auffassung dieser Termini als bloße ,,label" der in Frage stehenden Tempusformen soll daher noch nichts über ihre semantische Charakterisierung ausgesagt werden. Insbesondere soll mit den Wörtern ,,perfecto" und ,,imperfecto" nichts über die ,,aspektuelle" Charakterisierung der jeweiligen Tempusformen präjudiziert werden. Es wird sich im Verlauf der Arbeit ohnehin herausstellen, daß die durch die “label" perf simple, perf comp und imp bezeichneten Tempusformen in systematischer Weise mehrdeutig verwendet werden. In diesem Zusammenhang erscheint es deshalb angebracht, die wichtigsten der verschiedenen Verwendungen der auf der morphologischen Repräsentationsebene als perf simple, perf comp und imp klassifizierten Tempusformen auf der syntaktischen Repräsentationsebene zu unterscheiden. Dies kann z.B. dadurch geschehen, daß den einzelnen Subkategorien der Flexionskategorie Tempus auf der morphologischen Repräsentationsebene jeweils mehrere verschiedene Subkategorien der grammatischen Kategorie Tempus auf der syntaktischen Repräsentationsebene entsprechen, die zwar das gleiche ,,label" haben, aber durch verschiedene Indizes voneinander unterschieden werden; so können etwa der Subkategone perf comp der Flexionskategorie Tempus syntaktisch die verschiedenen Subkategorien perf com1, perf comp2, perf comp3, etc. der grammatischen Kategorie Tempus entsprechen. Umgekehrt kann mehreren verschiedenen Subkategorien der grammatischen Kategorie Tempus auf der morphologischen Repräsentationsebene eine einzige Subkategorie der Flexionskategorie  Tempus  entsprechen,  d.h.  verschiedene  grammatischeTempora erhalten von den morphologischen Regeln denselben Exponenten, d.h. dieselbe segmentale Interpretation, zugewiesen.

 

Wenn man die Termini ,,perf simple1, perf simple2, ..., perf comp1, perf comp2, ...,  imp1, imp2, ...” in der geschilderten Weise als Subkategorien der grammatischen Kategorie Tempus auffaßt, kann man sie auch bei der Repräsentation von Sätzen bzw. Satzteilen auf der syntaktischen Ebene als Spezifizierungen des der jeweiligen Verbform zugeordneten grammatischen Merkmals Tempus notieren; so werden bei der Charakterisierung der syn-taktischen  Form von  Sätzen komplexe Symbole wie ,V [perf simple1], V[perf comp2 ], V[perf comp3] , V[imp2]', etc. gebraucht werden. Darüber hinaus werden wir auch den Symbolen VP und S die Tempusspezifizierung des von ihnen dominierten V zusprechen, also z.B. ,VP[perf comp1]‘ oder ,S[imp2 ]‘, eine Notation, die die Sprechweise von ,,einer Verbalphrase im perf comp1" bzw. ,,einem Satz im imp2" ziemlich genau wiedergibt. Wenn wir uns dagegen auf perf simple-, perf comp- und imp-Formen beziehen, von denen noch nicht feststeht oder offen bleiben soll, in welcher ihrer möglichen Verwendungsweisen sie jeweils gebraucht werden, sprechen wir nur von einem Verb, einer Verbalphrase oder einem Satz im perf simple, perf comp oder imp und verwenden einfach Notationen wie ,S[imp]' oder ,V[perf comp]'.

 

Mit der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die syntaktischen und semantischen Regelmäßigkeiten, die dem Gebrauch der spanischen Tempusformen perf simple, perf comp und imp zugrunde liegen, zu beschreiben. Ausgehend von der Hypothese, daß die drei verschiedenen Tempusformen nicht ohne weiteres füreinander substituierbar sind, ohne daß der Satz, in dem sie jeweils vorkommen, ungrammatisch wird oder seine Bedeutung in intuitiv erkennbarer Weise ändert, darf man wohl annehmen, daß es zur Sprachkenntais eines kompetenten Sprechers der spanischen Sprache gehört, zu wissen, welchen syntaktischen und semantischen Bedingungen die ,,richtige" Setzung der perf simple-, perf comp-und imp- Formen jeweils unterliegt. Da dieses ,,Wissen" jedoch weitgehend unbewußt ist, ist vielleicht gerade ein Nicht-native speaker, der die spanische Sprache als Fremdsprache gelernt hat, in der Lage, sich die dem korrekten  Tempusgebrauch  zugrundeliegenden  Regularitäten  bewußt zu machen.

 

[ ... ]

 

In den nächsten beiden Abschnitten dieser Einleitung wollen wir kurz darauf eingehen, was unserer Meinung nach eine semantische Beschreibung der drei zur Diskussion stehenden spanischen Tempusformen der Vergangenheit zu leisten hat, und einige uns für die Behandlung unseres Themas wichtig erscheinende syntaktische Unterscheidungen einführen.

 

Der Versuch, die syntaktischen und semantischen Regelmäßigkeiten, die dem ,,richtigen" Gebrauch der drei spanischen Tempusformen perf simple, perf comp und imp zugrunde liegen, zu beschreiben, geht von möglichst zahlreichen Beobachtungen an Sätzen der spanischen Sprache aus, wie sie von Sprechern in Zentralspanien in alltäglichen Kom munikationssituationen geäußert werden können. Die Beschränkung auf Sprecher Zentralspaniens ist insofern wichtig, als es möglicherweise einen Unterschied zwischen dem Tempusgebrauch in Zentralspanien einerseits und dem Tempusgebrauch in den mehr an der Peripherie der iberischen Halbinsel gelegenen Gebieten wie Galizien, León und Asturien sowie dem in Südamerika andererseits gibt.

 

Die Beschränkung auf Sätze, wie sie in alltäglichen Kommunikationssituationen geäußert werden können, bezieht sich auf die Tatsache, daß die in Frage stehenden Tempusformen in der Mehrzahl ihrer Verwendungen deiktisch gebraucht werden. Deiktischer Gebrauch einer Tempusform heißt, daß ein Satz, der ein deiktisch verwendetes Tempus enthält, in zeitlicher Hinsicht sinnvoll nur in bezug auf den Zeitpunkt bzw. das Zeitintervall der Situation, in der der Satz jeweils geäußert wird, d.h. den zeitlichen Nullpunkt des jeweiligen Äußerungskontextes (das ,jetzt'), interpretiert werden kann[5]. Von deiktischem Gebrauch eines Tempus kann aber nach Wunderlich (1970) nur bei Sätzen die Rede sein, ,,die in direkten kommunikativen Situationen zwischen mindestens zwei Personen vorkommen. Das sind Situationen, in denen Sprecher und Hörer faktische Ereignisse (zurückliegende oder gerade stattfindende) und ihre Implikationen erörtern, mitteilen, berichten usw. oder ihre Meinungen, Absichten, Vermutungen, Erwartungen über künftig als faktisch zu erwartende Ereignisse darlegen. Nur in solchen Situationen hat es einen Sinn, daß der Sprecher die ausgesagten Ereignisse in zeitlicher Hinsicht relativ zum Sprecherereignis positioniert”[6]. Da eine Argumentation mit isolierten Beispielsätzen gerade von den konkreten Situationen, in denen solche Sätze geäußert werden können, abstrahiert und da uns auch keine Aufnahmen aktueller Gesprächstexte zur Verfügung gestanden haben, haben wir uns in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Beobachtung von charakteristischen Äußerungsbeispielen gestützt, wie sie in modernen Dramentexten und Filmdrehbüchern vorkommen, Texten, die in den letzten vierzig Jahren entstanden sind und eine anspruchslose Umgangssprache Zentralspaniens nachahmen. Es handelt sich dabei um folgende Texte:

 

Miguel Mihura, Tres sombreros de copa (1932), im folgenden abgekürzt: Sombreros

 

Federico García Lorca, La Casa de Bernarda Alba (1936), im folgenden abgekürzt: Bernarda Alba

 

Antonio Buero Vallejo, Historia de una escalera (1949), im folgenden abgekürzt: Historia

 

Alfonso Sastre, La mordaza (1954), im folgenden abgekürzt: Mordaza

 

Alfonso Sastre, Ana Kleiber (1955), im folgenden abgekürzt: Kleiber

 

Alfonso Sastre, Muerte en el barrio (1955), im folgenden abgekürzt: Muerte

 

Antonio Buero Vallejo, Hoy es fiesta (1956), im folgenden abgekürzt: Fiesta

 

Miguel Mihura, Ninette y un senor de Murcia (1964), im folgenden abgekürzt: Ninette

 

Alfonso Paso, Ensenar a un sinvergüenza (1967), im folgenden abgekürzt: Ensenar

 

Luis Bunuel, Tristana (1969)

 

Carlos Saura / Rafael Azcona, La prima Angélica (1973), im folgenden abgekürzt: Angélica [7]

 

[...]

 

 

 

 

2.         Formen der semantischen Beschreibung

 

a)            Wahrheitsbedingungen

 

In diesem Abschnitt wollen wir darlegen, was eine befriedigende Beschreibung der drei in Frage stehenden Tempusformen perf simple, perf comp und imp eigentlich leisten und welche Form sie annehmen soll. Wir gehen dabei von der heute allgemein anerkannten Forderung aus, daß in einer befriedigenden semantischen Beschreibung zum Ausdruck kommen muß, wie die Bedeutung eines Satzes von der Bedeutung seiner Teile abhängt, oder, umgekehrt ausgedrückt, welchen Beitrag die einzelnen Teile eines Satzes zur Gesamtkonstitution seiner Bedeutung leisten. Nun gibt es die auf Wittgenstein zurückgehende Auffassung, daß man die Bedeutung eines (assertorischen) deklarativen Satzes genau dann kennt, d.h. daß man einen solchen Satz genau dann versteht, wenn man weiß, welches seine Wahrheitsbedingungen sind[8]. Daraus folgt, daß die Abhängigkeit der Bedeutung eines Satzes von der Bedeutung seiner Teile als eine Abhängigkeit seines Wahrheitswertes aufzufassen ist und daß man die Bedeutung eines Satzteils genau dann kennt, wenn man weiß, welchen Beitrag er für die Festlegung der Wahrheit der Sätze, in die er als Bestandteil eingehen kann, leistet. Nach dieser Konzeption der Semantik sind also die Bedeutungen der Sätze einer Sprache genau dann bestimmt, wenn für jeden Satz angegeben werden kann, unter welchen Bedingungen er wahr ist. Ziel der semantischen Beschreibung einer Sprache L ist daher die (rekursive) Definition des Prädikats ,,wahr in L", derart, daß aus dieser Deflnition für jeden Satz aus L ein Satz der Form

 

(1)       S ist wahr in L dann und nur dann, wenn p

 

gefolgert werden kann, wobei an der Stelle von S die Bezeichnung bzw. Strukturbeschreibung eines entsprechenden Satzes der Objektsprache L steht und p durch die Ubersetzung von S in die Metasprache ersetzt wird. Dabei sollen die Wahrheitsbedingungen komplexer Sätze in Komponenten, die einer endlichen Menge von elementaren Wahrheitsbedingungen entnommen sind, analysierbar sein. Insbesondere wird eine solche Wahrheitsdefinition Klauseln enthalten, die die semantische Rolle derjenigen Mittel einer Sprache, von denen die (semantische) Explikation des Begriffs der logischen Folgerung in entscheidender Weise abhängt, erklären, d.h. den Beitrag angeben, den solche Mittel jeweils zur Festlegung der Wahrheit der Sätze leisten, in die sie als Bestandteil eingehen können. Mit der semantischen Rolle dieser den logischen Konstanten entsprechenden Mittel der natürlichen Sprachen hängt es auch zusammen, daß oft gesagt wird, daß man, wenn man die Bedeutung eines Satzes dadurch beschreibt, daß man seine Wahrheitsbedingungen angibt, die logische Form eines solchen Satzes angibt[9]. Unter der Angabe der logischen Form eines natürlichsprachlichen Satzes versteht man gewöhnlich, daß ein solcher Satz in der Weise repräsentiert wird, daß unter Zuhilfenahme allgemeiner Schlußregeln festgestellt werden kann, aus welchen anderen Sätzen er jeweils logisch folgt und welche anderen Sätze er jeweils als logische Folgerungen hat. Dies ist meist gleichbedeutend damit, daß der betreffende Satz in die kanonische Notation des Prädikatenkalküls erster Stufe übersetzt wird, wo von zwei Sätzen nur aufgrund ihrer jeweiligen Form gesagt werden kann, ob der eine eine logische Folgerung aus dem anderen ist. Davidson (1969b) gibt in diesem Zusammenhang folgendes Beispiel: ,,It is clear that the sentence ,Sebastian strolled through the streets of Bologna at 2 a.m.' entails ,Sebastian stroll­ed through the streets of Bologna' and does so by virtue of its logical form. This requires, it would seem, that the patent syntactical fact that the entailed sentence is contained in the entailing sentence be reflected in the logical form we assign to each sentence"[10]. Als Lösung schlägt Davidson vor, die beiden in Frage stehenden Sätze in einer Sprache zu repräsentieren, die eine Bezugnahme auf Ereignisse gestattet, d.h. die eine besondere Sorte von Variablen enthält, nämlich Variablen, deren mögliche Werte Ereignisse sind. In dieser Sprache ordnet er dann den beiden Sätzen ,,logische Repräsentationen" zu, denen schon aufgrund ihrer Form anzusehen ist, daß der zweite Satz eine logische Folgerung aus dem ersten ist:

 

(2a)     There is an event x such that Sebastian strolled x, x took place in the streets of Bologna, and x was going on at 2 a.m.

 

(2b)     There is an event x such that Sebastian strolled x and x took place in the streets of Bologna.[11]

 

Der Zusammenhang zwischen der logischen Form von natürlichsprachlichen Sätzen und der Angabe ihrer jeweiligen Wahrheitsbedingungen besteht nun darin, daß in dem Fall, wo ein Satz allein aufgrund seiner Form, d.h. auf­grund der Tatsache, daß in ihm bestimmte logische Konstanten vorkommen, einen anderen Satz als logische Folgerung hat, die Klauseln der Wahrheitsdefinition, die den Beitrag dieser logischen Konstanten zur Festlegung der Wahrheit der Sätze angeben, in die sie als Bestandteil eingehen können, implizieren, daß, wenn der zweite Satz wahr ist, auch der erste wahr sein muß, wie auch immer die nicht-logischen Konstanten interpretiert werden mögen. So kommt es in dem gerade gegebenen Beispiel hauptsächlich auf die Interpretation des dem logischen Zeichen ,^‘  entsprechenden ,and' an:

 

(3)         ,p and q‘ ist wahr dann und nur dann, wenn ,p' wahr ist und wenn ,q' wahr ist.

 

Der Zusammenhang zwischen logischer Form und Wahrheitsdefinition wird also hauptsächlich durch die logischen Zeichen wie Satzverknüpfer und Quantoren hergestellt. Nun brauchen die logischen Zeichen aber nicht nur auf Satzverknüpfer und Quantoren beschränkt zu sein. So scheint es zwischen natürlichsprachlichen Sätzen Folgerungsbeziehungen zu geben, die wesentlich von den in ihnen jeweils vorkommenden  Tempusformen abhängen. Im Spanischen z.B. kann man, wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 den Satz

 

(4a) Juan estuvo este año en España.

 

behauptet, zum selben Zeitpunkt t0 auch den Satz

 

(4b) Este año Juan ha estado al menos una vez en España.

 

behaupten. Daß die zwischen den Sätzen (4a) und (4b) bestehende Folgerungsbeziehung logischer Natur ist und wesentlich von den in ihnen vorkommenden Tempusformen abhängt, zeigt sich darin, daß, welche NP auch immer an die Stelle der Subjekts-NP ,Juan' tritt und durch welche VP ,estar en España' auch immer ersetzt wird, die Folgerungsbeziehung zwischen den daraus entstehenden Sätzen dieselbe bleibt. Andererseits kann man, wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 den Satz

 

(5a) Juan escribe (está escribiendo) una carta.

 

behauptet, zu einem beliebigen auf den Zeitpunkt t0 folgenden Zeitpunkt ti auch den Satz

 

(5b) Juan escribía (estaba escribiendo) una carta a t0.

 

behaupten. Auch in diesem Fall folgt die Äußerung von Satz (5b) logisch aus der Äußerung von Satz (5a), und zwar ebenfalls aufgrund der in ihnen jeweils vorkommenden Tempusformen, da auch in diesem Fall die Subjekts-NP ,Juan' durch eine beliebige andere NP und die VP ,escribir una carta‘ durch eine beliebige andere VP ersetzt werden können, ohne daß sich an der Folgerungsbeziehung zwischen den daraus entstehenden Sätzen etwas ändert.

 

Eine Definition des Prädikats „wahr im Spanischen” müßte Klauseln enthalten, die Folgerungsbeziehungen, wie sie intuitiv zwischen Sätzen wie (4a) und (4b) bzw. (5a) und (5b) bestehen, als Instanzen logischer Folgerungen implizieren. Dazu ist es jedoch erforderlich, daß die tempusmäßig unterschiedenen Verbformen nicht als jeweils verschiedene Prädikate unanalysiert bleiben, sondern in den Teil, der jeweils gleich bleibt, d.h. das Verblexem, und den Teil, der sich jeweils ändert, d.h. die Tempuskategorie, analysiert werden. Wir werden dabei jedoch nicht in der Weise vorgehen, daß wir die Klauseln, die die Wahrheitabedingungen der solcherart analysierten Sätze festlegen, direkt angeben. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß unserer Meinung nach zumindest in bestimmten Fällen - z.B. im Fall der Sätze (4a) und (4b) - in der Metasprache auf Entitäten wie Ereignisse Bezug genommen und von bestimmten Unterscheidungen wie der zwischen definiter und indefiniter Referenz Gebrauch gemacht werden müßte, wozu jedoch die übliche Konstituentenanalyse überhaupt keine Motivation gibt. Zu diesem Zweck werden wir gegebenenfalls die spanischen Sätze in geeignete Formeln einer entsprechenden künstlichen Sprachform übersetzen, die z.B. im Fall der ,,logischen Repräsentation" der Sätze (4a) und (4b) eine Bezugnahme auf Entitäten wie Ereignisse gestattet. Damit solche Ubersetzungen nicht willkürlich sind, sondern noch aus der zu beschreibenden Sprache motiviert erscheinen, gehen wir in solchen Fällen nicht einfach von den zu beschreibenden Sätzen selbst aus, sondern von Sätzen, die vom inhaltlichen Standpunkt aus Paraphrasen der zu beschreibenden Sätze sind, Paraphrasen, in denen hauptsächlich von Substantivierungsoperationen Gebrauch gemacht wird. Die solcherart gewonnenen Satzformen können dann nach dem Standardverfahren über verschiedene Stufen der Normierung in Formeln der jeweiligen künstlichen Sprachform überführt werden. Für die Semantik einer solchen künstlichen Sprache soll gelten, daß für sie das Prädikat ,,wahr in L" in befriedigender Weise definiert worden ist, wobei die Definition insbesondere Klauseln enthalten soll, die nicht nur den Beitrag der üblichen logischen Zeichen wie Junktoren und Quantoren, sondern auch den Beitrag derjenigen Operatoren, die zum Ausdruck der temporalen Unterschiede von natürlichsprachlichen Sätzen benötigt werden, zur Festlegung der Wahrheitsbedingungen der Formeln angeben, in die sie jeweils als Bestandteil eingehen können.

Um die ,,Richtigkeit" der Übersetzungen von natürlichaprachlichen Sätzen in Formeln der jeweils gewählten künstlichen Sprachform sicherzustellen, kann man folgendes Kriterium aufstellen: Intuitiv gültige Folgerungsbeziehungen zwischen Sätzen der natürlichen Sprache müssen nach ihrer jeweiligen Übersetzung in Formeln der gewählten künstlichen Sprache als Instanzen des Begriffs der logischen Folgerung rekonstruiert werden können, und zwar sowohl in syntaktischer Hinsicht, d.h. allein aufgrund allgemeiner, nur auf ihre jeweilige Form Bezug nehmender Schlußregeln, als auch in semantischer Hinsicht, d.h. aufgrund des Beitrags der in ihnen jeweils vorkommenden logischem Zeichen zur Festlegung der Wahrheit der Formeln, deren Bestandteil sie sein können.

 

 

Die Definition eines Prädikats ,,wahr in L" für eine künstliche Sprache L kann auch der Tatsache Rechnung tragen, daß viele Sätze der natürlichen Sprachen mehrdeutig sind. Für den Fall, wo natürlichsprachliche Sätze oberflächenstrukturell mehrdeutig sind, werden ihnen wie im Fall mehrdeutiger Tempusformen strukturell jeweils verschiedene Formeln der künstlichen Sprachform zugeordnet, denen dann auch jeweils verschiedene Wahrheitsbedingungen entsprechen.

 

[...]

 

Wenn das Ziel der semantischen Beschreibung einer Sprache L darin besteht, das Prädikat ,,wahr in L" (bzw. ein analoges Prädikat für Sätze in einem nicht-assertorischen Modus) derart zu definieren, daß aus dieser Definition für alle Sätze der Sprache folgt, unter welchen Bedingungen sie jeweils wahr sind, dann entsteht für Sprachen, deren Verben nach der Kategorie Tempus flektiert werden, noch eine zusätzliche Schwierigkeit. Ein Satz mit einer bestimmten Tempusform kann in einer Äußerungssituation wahr und in einer anderen Situation falsch sein, ohne daß die in ihm vorkommende Tempusform mehrdeutug zu sein braucht. So ist z. B. der Satz

 

(10)     Ningún hombre ha puesto aún los pies en la luna.

 

wenn er heutzutage geäußert wird, falsch, während er, vor dem Juli des Jahres 1969 geäußert, wahr war. Die Tatsache, daß eine Äußerung eines Satzes wie (10) wahr und eine andere Äußerung desselben Satzes falsch mein kann, hängt offenbar damit zusammen, daß die in dem Satz vorkommende perf comp-Form deiktisch verwendet wird.

 

Deiktischer Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks heißt, wie oben schon angedeutet, daß ein Satz, in dem ein solcher deiktischer Ausdruck vorkommt, nur in der Situation, in der er jeweils geäußert wird, voll verstanden werden kann, d . h. daß man nur dann weiß, unter welchen Bedingungen ein solcher Satz wahr ist, wenn man auch die Umstände, in denen er geäußert worden ist, kennt. Es stellt sich deshalb das Problem, wie dem Umstand, daß der Wahrheitswert eines Satzes, in dem deiktische Ausdrücke vorkommen, von der jeweiligen Situation, in der er verwendet werden kann, abhängt, in der semantischen Beschreibung Rechnung getragen werden soll. Die Abhängigkeit der Bedeutung eines Satzes mit deiktischen Ausdrücken von der jeweiligen Situation, in der er geäußert wird, legt es nahe, den möglichen Situationsbezug mit in die Bedeutungsbeschreibung aufzunehmen. Die heute wohl verbreitetste Methode besteht darin, das, was wahr oder falsch sein kann, nicht mehr als (Aussage-)Sätze, d.h. eine besondere Klasse von sprachlichen Ausdrücken, zu betrachten, sondern als Satzvorkommnisse. Ein Satzvorkommnis ist dann ein geordnetes Paar aus einem Satz, d.h. einem sprachlichen Ausdruck einer bestimmten Klasse, und einem möglichenKontext der Sprachverwendung [12]. Die zur Charakterisierung eines möglichen Kontextes der Sprachverwendung in Betracht zu ziehenden Daten sind dabei, wer der Sprecher und wer der Angesprochene ist, wann und wo der Äußerungsakt stattgefunden hat. Der Komplex der relevanten Daten eines möglichen Äußerungskontextes heißt in der Literatur auch Referenz- bzw. Bezugspunkt[13] und wird gewöhnlich als Folge notiert, deren Glieder die gerade relevanten Aspekte der jeweiligen Äußerungssituation - Sprecher, Angesprochener, Zeit und Ort der Äußerung - repräsentieren. Für Sätze wie (10), in denen als einziger deiktischer Ausdruck nur eine deiktisch verwendete Tempusform vorkommt, braucht der jeweilige Bezugspunkt nur aus der Einerfolge der Koordinate zur Angabe des Zeitpunkts bzw. -intervalls der jeweiligen Äußerung zu bestehen. Ausgehend von der Auffassung, daß nur Satzvorkommnisse, d.h. Paare aus jeweils einem Satz als sprachlichem Ausdruck und einem bestimmten Kontext der Sprachverwendung, wahr oder falsch sein können, läßt sich dann ein etwas abgewandelter Begriff von logischer Folgerung definieren. Ein Satz Si ist eine logische Folgerung eines Satzes Sj genau dann, wenn für jede Interpretation ihrer deskriptiven, d.h. nicht-logischen, Zeichen gilt, daß der Satz Si bezüglich jedem Referenz- bzw. Bezugspunkt wahr ist, bezüglich dem auch der Satz Sj wahr ist[14] . So folgt z.B. aus dem Satz

 

(11a)   Juan volveré el mes que viene a Madrid.

 

der Satz

 

(11b)   Juan no está volviendo (vuelve) todavía a Madrid.

 

da, wenn immer der Satz (11a) in einer bestimmten Äußerungssituation, d.h. bezüglich einem bestimmten Referenzpunkt, wahr ist, in derselben Äußerungssituation, d.h. bezüglich demselben Referenzpunkt auch der Satz (11b) wahr ist.

 

 

b)            Sinnrelationen

 

Wir haben im vorigen Abschnitt gesagt, daß es das Ziel der semantischen Beschreibung einer Sprache L ist, das Prädikat ,,wahr in L" in der Weise zu definieren, daß aus dieser Definition für jeden Satz der Sprache gefolgert werden kann, unter welchen Bedingungen er wahr ist. Daneben kann zusätzlich noch die Auffassung vertreten werden, daß die Bedeutung einer bestimmten Tempusform genauso wie die einer lexikalischen Einheit durch ihre Beziehungen zu den anderen Einheiten desselben Subsystems, in diesem Falle des Systems der Tempusformen, bestimmt werden kann. Die Bedeutung oder der ,,Sinn'1 einer sprachlichen Einheit, z. B. einer Tempusform, ist also durch ihren Platz in einem System von semantischen Relationen definiert, die sie mit anderen Einheiten desselben Subsystems ein-geht. Diese Relationen, die von Lyons (1968, 1977) Sinnrelationen genannt werden, sind vor allem Synonymie, Hyponymie, Antonymie, Inkompatibilität, Komplementarität. Diese von Lyons u.a. vorgeschlagenen Sinnrelationen, die jeweils zwischen sprachlichen Einheiten bestehen, sollen unabhängig von den möglichen Denotaten, die den in Frage stehenden sprachlichen Einheiten einer bestimmten syntaktischen Kategorie in der (bezeichnungstheoretischen) Semantikkomponente zugeordnet werden, expliziert werden können. Dies geschieht bei Lyons in der Weise, daß die Sinnrelationen in Abhängigkeit von einem pragmatisch verstandenen Begriff der Implikation definiert werden. Er bestimmt die Sinnrelation zwischen elementaren sprachlichen Einheiten (vorwiegend Einheiten des Lexikons) dadurch, daß zwischen den jeweiligen Gliedern von Paaren einfacher Sätze, die dieselbe syntaktische Struktur haben und sich nur dadurch voneinander unterscheiden, daß der eine die sprachliche Einheit x an der Stelle hat, wo der andere die sprachliche Einheit y hat, bzw. deren Negationen bestimmte Implikationsbeziehungen bestehen. Lyons führt den für die Definition der von ihm postulierten Sinnrelationen grundlegenden Begriff der Implikation relativ zu einem ,”eingeschränkten Kontext" (restricted context) - das ist ein Kontext der Sprachverwendung, in dem das Verstehen einer bestimmten Äußerung nicht von in vorhergehenden Äußerungen enthaltener Information abhängig ist - folgendermaßen ein:

 

,,Sense-relations are stateable within a framework which includes the notion of implication. This notion may be introduced here by way of the prior concepts of explicit assertion and denial. We will assume that in all languages it is possible to establish rules of correspondence between affirmative and negative sentences; and that the correspondence between a particular affirmative and a particular negative sentence is accounted for by the grammar of the language. Thus the negative sentence ,John is not married' corresponds to the affirmative sentence ‚John is married'. We will now say that a negative sentence explicitly denies whatever is explicitly asserted by the corresponding affirmative sentence; and on the basis of this notion of explicit assertion and denial we can construct the semantically more interesting notion of implicit assertion and denial, or implication. One sentence, S1, is said to imply another, S2 - symbolically, S1 É S2 - if speakers of the language agree that it is not possible to assert explicitly S2 and to deny explicitly S1. And S1 implicitly denies S2 - S1 implies not S2 : S1 !É S2  - if it is agreed that the explicit assertion of S2  makes impossible, without contradiction, the explicit assertion of S1.”[15]

 

Der von Lyons pragmatisch verstandene Begriff der Implikation entspricht dem semantisch definierten Begriff der logischen Folgerung, nämlich daß ein Satz S1 einen anderen Satz S2 genau dann als logische Folgerung hat,

 

wenn es nicht der Fall sein kann daß S1 wahr und S2 falsch ist, in der Weise, daß die semantischen Prädikate ,wahr' und ,falsch' durch die pragmatischen Prädikate ,explicit assertion‘ und ‚explicit denial‘ ersetzt werden. In beiden Fällen ist die Kombination ausgeschlossen, daß S1 wahr ist bzw. explizit behauptet wird und S2 falsch ist bzw. explizit verneint wird. Der von Lyons eingeführte pragmatisch Begriff der Implikation muß aber noch, auch im Hinblick auf Tempusphänomene, weiter verschärft werden. Nach Lyons soll es z.B. nicht möglich sein, den Satz ,El año pasado Juan se construyó un chalet‘ explizit zu behaupten und den folgenden Satz explizit zu verneinen, ohne in einen Widerspruch zu geraten, ,El año pasado Juan se construyó una casa'. Dies trifft aber nur dann zu, wenn beide Sätze zum selben Zeitpunkt geäußert werden; denn es ist wohl möglich, daß es einen Äußerungszeitpunkt gibt, zu dem der zweite Satz explizit verneint werden darf, und daß es einen anderen Zeitpunkt gibt, zu dem der erste Satz explizit behauptet werden darf, ohne dabei in Widerspruch zu geraten. Ebenfalls müßte die explizite Behauptung eines Satzes im futuro wie ,Manana escribiré una carta a Joaquín‘ die gleichzeitige explizite Behauptung des entsprechenden presente-Satzes ,Ahora estoy escribiendo una carta a Joaquín‘ unmöglich machen. Beide Sätze können jedoch zum selben Außerungszeitpunkt vom selben Sprecher explizit behauptet werden, ohne daß er in einen Widerspruch geraten muß, dann nämlich, wenn er sich mit dem zweiten Satz auf einen anderen Brief bezieht als im ersten. Um den Aspekt der Kontextabhängigkeit, speziell den Faktor der Abhängigkeit vom Äußerungszeitpunkt, und bestimmte Aspekte des Sachbezugs, z.B. die Ko-Referenz, bei der pragmatischen Explikation des Begriffs der Implikation mitzuberücksichtigen, schlägt Schnelle (1973a) vor, ,,als Grundbegriff den eines ,offenbar widersprüchlichen Textes‘ anzunehmen."[16] In dem Text

 

(12a)  Manana escribiré una carta a Joaquín.

 

(12b)  Ahora estoy escribiendo una carta a Paloma.

 

(12c)  Por eso la carta para Joaquín será otra que la para Paloma.

 

geben die Sätze (12a) und (12b) genügend Hinweise für die Konklusion (12c), z.B. durch die das jeweilige Ereignis unterschiedlich lokalisierenden Temporaladverbiale ,mañana‘ und ,ahora‘ und die verschiedenen Adressaten der jeweiligen Briefe, Joaquín und Paloma. Ersetzt man dagegen in dem widerspruchsfreien Text (12) den (a)-Satz im futuro durch den entsprechenden Satz im presente

 

(12d)  Ahora estoy escribiendo (escribo> una carta a Joaquín.            ,

 

so entsteht ein offenbar widersprüchlicher Text. Nach allgemeinem Verständnis ist es schlecht möglich, an zwei verschiedenen Briefen zum selben Zeitpunkt zu schreiben; damit aber der (b)-Satz mit dem (d)-Satz kompatibel sein kann, müßte es sich in den beiden Sätzen um denselben Brief handeln, ein Sachverhalt, der durch die Konklusion (c) ausgeschlossen wird. Ausgehend von einem solchen Begriff eines ,,offenbar widersprüchlichen Textes" ändert Schnelle (1973a) die von Lyons gegebenen Explikationen von “implicit assertion" und ,,implicit denial" folgendermaßen ab:

 

,, S1 behauptet implizit S2 dann und nur dann, wenn es

 

(a)        einen Text T1 gibt, in dem S1 als Behauptung vorkommt

(b)  T1 keinen offenbaren Widerspruch ausdrückt

(c)        die Ersetzung von S1         durch die Negation eines Satzes S2 einen Text T2 ergibt

(d)  der Text T2 einen offenbaren Widerspruch ausdrückt.

 

S1 verneint implizit S2 dann und nur dann, wenn (a) und (b) wie in der vorigen Definition gelten und

 

(c)  die Ersetzung von S1 durch den Satz S2 einen Text T3 ergibt

(d)  der Text T3 einen offenbaren Widerspruch ausdrückt." [17]

 

Gemäß dieser Abänderung der Definition von ,,implicit assertion" und ,,implicit denial" verneint der Satz ,Mañana escribiré una carta a Joaquín' implizit den Satz ,Ahora estoy escribiendo (escribo) una carta a Joaquín', da die Ersetzung des ersteren durch den letzteren im zunächst widerspruchslosen Text (12) einen anderen Text ergibt, der einen offenbaren Widerspruch enthält. Nach der oben gegebenen Definition von ,,implicit denial" durch Lyons bedeutet es, daß ein Satz S1 einen anderen Satz S2 implizit verneint, daß der Satz S1 die Negation des Satzes S2 impliziert, symbolisch ausgedrückt: S1  É  ~S2 .

Für das von uns gewählte Beispiel heißt das, daß der Satz (12a) dann den Satz (12d) implizit verneint, wenn die Implikationsbeziehung zwischen (12a)  ,Mañana escribiré una carta a Joaquín.' und der Negation von (12d) ,Ahora no estoy escribiendo una carta a Joaquín.' besteht. Die Formulierung solcher Implikationsbeziehungen läßt sich noch vereinfachen, wenn man zuläßt, daß bei dem Übergang von der Prämisse zur Konklusion bei sich eventuell in nur einer Konstituente unterscheidenden Sätzen noch gewisse Umformungen zugelassen wer-den, die z.B. dem Aspekt der Ko-Referenz Rechnung tragen sollen. Die Implikations- bzw. Folgerungsbeziehung zwischen den Sätzen (12a) und (12d) ließe sich dann folgendermaßen umformulieren

 

(13)            Mañana escribiré una carta a Joaquín.

            No estoy escribiendo (escribo) todavía la carta a Joaquín.

 

Durch die Einfügung des Adverbs ,todavía' und die Ersetzung des unbe­stimmten durch den bestimmten Artikel in der Konklusion wird der Aspekt der Ko-Referenz insoweit berücksichtigt, als dadurch sichergestellt wird, daß in der Prämisse und in der Konklusion auf denselben Brief und damit auf dasselbe Schreibereignis Bezug genommen wird. Wenn man also zuläßt, daß beim Übergang von der (den) Prämisse(n) zur Konklusion gewisse Um­formungen vorgenommen werden können, die eine Textkohärenz zwischen der (den) Prämisse(n) und der Konklusion herstellen, braucht man nicht mehr auf das etwas umständliche Verfahren der Konstruktion eines ,,offen­bar widerspruchsvollen Textes" zurückzugreifen. Wir werden im Verlauf der Arbeit von der Möglichkeit Gebrauch machen, bei der Formulierung von Folgerungsbeziehungen beim Übergang von der (den) Prämisse(n) zur Konklusion gewisse sprachliche Umformungen vornehmen zu dürfen, die eine Textkohärenz herstellen.

 

Kommen wir nun zu einigen der von Lyons definierten Sinnrelationen, von denen wir bei der Beschreibung der Bedeutung der einzelnen Tempusformen Gebrauch machen werden. Lyons definiert, wie schon gesagt, die verschiedenen Sinnrelationen zwischen elementaren sprachlichen  Einheiten (vorwiegend handelt es sich um lexikalische Einheiten) auf der Grundlage der Begriffe ,,implicit assertion" und ,,implicit denial". Dies sieht dann so aus, daß, wenn x und y zwei elementare sprachliche Einheiten sind, die distributionell in paradigmatischer Relation zueinander stehen, und es Paare von einfachen Sätzen einer bestimmten syntaktischen Struktur gibt, die sich nur dadurch voneinander unterscheiden, daß der eine die Einheit x an der Stelle hat, wo der andere die Einheit y hat, zwischen den beiden

Einheiten x und y eine spezifische Sinnrelation besteht, wenn zwischen den beiden Sätzen, in denen sie jeweils vorkommen, bzw. deren Negationen bestimmte Implikationsbeziehungen bestehen [18]. Der einfachste Fall ist die semantische Relation der Hyponymie. Diese wird in den Termini der einseitigen Implikation definiert. Die elementare sprachliche Einheit x ist hypo­nym zu der elementaren sprachlichen Einheit y, wenn ein einfacher affirmativer Satz, der x enthält, einen entsprechenden Satz gleicher Struktur impliziert, der sich von ihm nur dadurch unterscheidet, daß er anstatt x die Einheit y enthält, der umgekehrte Fall aber nicht (unbedingt) gilt. So ist im Spanischen z. B. das Nomen ,rosa' hyponym zum Nomen ‚flor', da die Implikationabeziehung

 

(14)     En mi jardín hay rosas.  É  En mi jardín hay flores.

 

nach allgemeinem Verständnis gültig ist, während die umgekehrte Implikationsbeziehung allgemein nicht als gültig angesehen wird[19]. Die semantische Relation der Synonymie wird in den Termini der zweiseitigen Implikationtion definiert, d.h. der Äquivalenz. Wenn ein Satz S1 einen anderen Satz S2 impliziert und wenn umgekehrt S2 auch S1 impliziert, heißen die beiden Sätze äquivalent, in Symbolen ausgedrückt:  wenn S1  É  S2  und wenn S2  É  S1, dann S1  =  S2 .  Die sprachliche Einheit x ist synonym mit der sprachlichen Einheit y, wenn es zwei äquivalente Sätze der gleichen syntaktischen Struktur gibt, die sich nur dadurch unterscheiden, daß der eine die Einheit x an der Stelle hat, wo der andere die Einheit y hat [20]. So sind im Spanischen nach dieser Definition die beiden Verbalperiphrasen ,comenzar a (+ VP [+ infinitivo])' und ,empezar a (+ VP [+ infinitivo])' synonym, da folgende Implikationsbeziehungen gelten

 

(15)        Ayer por la tarde comenzó de pronto a nevar.  É  Ayer por la tarde empezó de pronto               a nevar.

 

Ayer por la tarde empezó de pronto a nevar.  É  Ayer por la tarde comenzó de pronto a nevar.

 

Ayer por la tarde comenzó de pronto a nevar.  =  Ayer por la tarde empezó de pronto a nevar.

 

 

Die semantische Relation der Inkompatibilität wird auf der Grundlage des Begriffes des ,,implicit denial" definiert. Wenn ein Satz S1 einen anderen Satz S2 implizit verneint, was ja nichts anderes heißt, als daß der Satz S1 die Negation von Satz S2 impliziert, in Symbolen ausgedrückt: S1  É  ~ S2, so heißen die beiden Sätze nach Lyons auch implizit kontradiktorisch.  Zwei sprachliche Einheiten, x und y, sind inkompatibel, wenn es zwei Sätze der gleichen syntaktischen Struktur S1 und S2 gibt, die implizit kontradiktorisch sind und sich nur darin voneinander unterscheiden, daß der eine die Einheit x an der Stelle hat, wo der andere die Einheit y hat [21]. Die Farbadjektive sind das Paradigma für inkompatible lexikalische Einheiten. Wenn jemand die explizite Behauptung

 

(16)     Encima de la mesa de mi habitación está el libro rojo.

 

macht,  wird er gewöhnlich so verstanden, als habe er den (die) Sätz(e)

 

(16a)   Encima de la mesa de mi habitación está el libro verde (amarillo, azul, blanco, negro, etc.)

 

implizit verneint. Umgekehrt würde die Ersetzung des Farbadjektivs ,rojo' in (16) durch eines der in (16a) gebrauchten Farbadjektive als implizite Verneinung von (16), ,Encima de la mesa de mi habitaciön está el libro rojo.' aufgefaßt werden. Es bestehen also folgende Implikationsbeziehungen

 

(17a)   Encima de la mesa de mi habitación está el libro rojo.  É  Encima de la mesa de mi habitación no está el libro verde (amarillo, azul, blanco, negro, etc.)

 

(17b)   Encima de la mesa de mi habitación está el libro verde.  É  Encima de la mesa de mi habitación no está el libro rojo (amarillo, azul, blanco, negro, etc.)

 

Die semantische Relation der Komplementarität kann als ein Spezialfall der Inkompatibilität angesehen werden, nämlich der Inkompatibilität zwischen nur zwei sprachlichen Einheiten. Die explizite Behauptung eines Satzes, der ein Element aus einer mehr-als-zwei-elementigen Menge von inkompatiblen sprachlichen Einheiten enthält, impliziert die Negation derjenigen Sätze, die sich von ihm nur dadurch unterscheiden, daß sie an der Stelle der ursprünglichen Einheit jeweils eine andere Einheit aus der Menge derinkompatiblen sprachlichen Einheiten haben (vgl. (17)). Umgekehrt impliziert die explizite Verneinung eines Satzes, der ein Element aus einer mehr-als-zwei-elementigen Menge von inkompatiblen sprachlichen Einheiten enthält, die explizite Behauptung der Disjunktion von denjenigen Sätzen, die sich von ihm dadurch unterscheiden, daß sie anstelle der ursprüngli­chen Einheit jeweils die anderen Einheiten aus der Menge der inkompatiblen sprachlichen Einheiten haben; z. B.

 

(18)     Encima de la mesa de mi habitación no está el libro rojo.  É  Encima de la mesa de mi habitación está el libro verde  o  el libro amarillo  o  el libro azul  o  el libro blanco  o el libro negro, etc.

 

Wenn die Menge der inkompatiblen sprachlichen Einheiten nur aus zwei Elementen besteht, dann ist die semantische Relation zwischen diesen beiden inkompatiblen Einheiten derart, daß die explizite Behauptung eines Satzes, der eine dieser beiden Einheiten enthält, die explizite Verneinung des entsprechenden Satzes, der sich von ihm nur darin unterscheidet, daß die in Frage stehende Einheit durch die andere ersetzt worden ist, impliziert und daß die explizite Verneinung eines Satzes mit einer dieser beiden Einheiten die explizite Behauptung des entsprechenden Satzes mit der anderen Einheit impliziert. Nach dieser Definition der Komplementarität [22]sind z.B. die spanischen Adjektive ,casado' und ,soltero' komplementär zueinander, da folgende Implikationabeziehungen bestehen:

 

(19a) Juan está casado.  É  Juan no está soltero.

(19b) Juan no está casado.  É  Juan está soltero.

 

Da auch der umgekehrte Fall gilt

 

(20a) Juan está soltero.  É  Juan no está casado.

(20b) Juan no está soltero.  É  Juan está casado.

 

sind die explizite Behauptung eines Satzes, der eine von zwei komplementären sprachlichen Einheiten enthält, und die explizite Verneinung des entsprechenden Satzes mit der anderen Einheit äquivalent zueinander.

 

(21a) Juan está casado.  =  Juan no está soltero.

(21b) Juan está soltero.  =  Juan no está casado.

 

 

Von der semantischen Relation der Komplementarität wird noch die semantische Relation der Antonymie unterschieden. Auch sie besteht jeweils nur zwischen zwei sprachlichen Einheiten. Der Unterschied zur Komplementarität besteht jedoch darin, daß die explizite Behauptung eines Satzes mit einer von zwei antonymen sprachlichen Einheiten zwar die Negation des entsprechenden Satzes mit der anderen Einheit an ihrer Stelle impliziert, daß aber der umgekehrte Fall, daß nämlich die explizite Verneinung eines Satzes mit einer von zwei antonymen sprachlichen Einheiten den entsprechenden affirmativen Satz, der die andere Einheit an ihrer Stelle enthält, impliziert, nicht eintritt[23]. So sind z. B. im Spanischen die Glieder des Paares ‚alto/bajo‘  Antonyme, da zwar folgende Implikationabeziehungen gelten

 

(22a) Este edificio es alto.  É  Este edificio no es bajo.

(22b) Este edificio es bajo.  É  Este edificio no es alto.     ,

 

nicht aber deren Umkehrungen

 

(23a) Este edificio no es alto.  !É  Este edificio es bajo.

(23b) Este edificio no es bajo.  !É  Este edificio es alto.

 

Deshalb ist auch die Negation eines Satzes mit einem Glied aus einem Paar von antonymen sprachlichem Einheiten mit der Negation des entsprechenden Satzes mit dem anderen Glied an derselben Stelle kompatibel

 

(24) Este edificio no es alto, pero tampoco es bajo.

 

Diese Beziehungen zwischen den jeweiligen Gliedern von Paaren antonymer sprachlicher Einheiten lassen sich wohl dadurch erklären, daß es sich bei den Gliedern dieser Paare meistens um graduierbare Adjektive handelt. Diese Tatsache wird häufig deswegen nicht richtig beachtet, weil, wie auch in unserem Beispiel, graduierbare Adjektive häufig nicht explizit graduiert werden, sondern so verwendet werden, als würden sie wie nicht-graduier­bare Adjektive einer durch eine entsprechende Nominalphrase bezeichneten Entität eine bestimmte Eigenschaft zu- bzw. absprechen. Doch implizieren graduierbare Adjektive, auch wenn sie im Positiv, d.h. nicht in Komparativkonstruktionen, verwendet werden, immer einen Vergleich. So kann das jeweilige Antezedenz in (22) explizit wiedergegeben werden durch ‚Dieses Gebäude ist (aber) groß/klein für ein Gebäude dieser Art‘, wobei das jeweilige nicht graduierte Antonym so verstanden wird, als wenn es bezüglich einer Norm implizit graduiert wäre. Dies erklärt auch, warum die explizite Verneinung eines Satzes mit einem Glied aus einem Paar von antonymen Adjektiven mit der expliziten Verneinung des entsprechenden Satzes mit dem anderen Glied an seiner Stelle kompatibel ist; denn die Koordination der expliziten Verneinung zweier Sätze, die sich nur dadurch unterscheiden, daß der eine das eine Glied eines Paares von Antonymen an der Stelle hat, wo der andere das andere Glied des betreffenden Paares hat, besagt ja nichts anderes, als daß von der in Frage stehenden impliziten Norm weder nach der einen noch nach der anderen Seite abgewichen wird.

 

Der von Lyons definierte Begriff der Implikation kann auch als Diagnoseinstrument zur Feststellung von Mehrdeutigkeit gebraucht werden. So muß man eine sprachliche Einheit wohl als mehrdeutig ansehen, wenn ein einfacher Satz, in dem sie vorkommt, sowohl den Satz, der sich von ihm nur an der Stelle der betreffenden sprachlichen Einheit unterscheidet, wie seine Negation impliziert.  Z.B. darf man wohl annehmen, daß das spanische presente ambig ist, d.h. daß es mindestens zwei homonyme Tempusformen des presente gibt, da ein Satz wie

 

Juan vuelve a Madrid.

 

sowohl den Satz

 

(25a)   Juan está volviendo a Madrid.

 

als auch dessen Negation

 

(25b)   Juan no está todaviá volviendo a Madrid.

 

impliziert.  Dies wird dadurch möglich, daß das presente in dem Fall, wo Satz (25) den entsprechenden presente-Satz mit der Verbalperiphrase ,estar + VP [+ gerundio]‘ impliziert, im Sinne eines aktuellen Präsens gebraucht wird und daß es in dem Fall, wo Satz (25) die Negation von (25a), also (25b), impliziert, d.h. (25a) implizit verneint, im futurischen Sinn gebraucht wird und deshalb auch durch eine entsprechende Form ersetzt werden kann:

 

(25c) Juan va a volver (volverá) a Madrid  É  Juan no está todavía volviendo a Madrid. [24]

 

 

 

3. Einige syntaktische Unterscheidungen

 

 

            Absolut und relativ gebrauchte Tempusformen

 

Nach unserer bisherigen Diskussion hat es den Anschein, als ob die Tempusformen generell nur deiktisch verwendet würden, d.h. als ob die Sätze, in denen sie jeweils vorkommen, nur mit Bezug auf mögliche Sprechsituationen, in denen diese Sätze geäußert werden können, genauer mit Bezug auf den zeitlichen Aspekt der jeweiligen Sprechsituation, verstanden werden könnten. Wird eine bestimmte Tempusform in einem in einer bestimmten Sprechsituation geäußerten Satz in diesem Sinne deiktisch verwendet, so spricht man auch davon, daß die betreffende Tempusform absolut gebraucht wird[25]

 

Es gibt jedoch auch eine Verwendungsweise der Tempusformen, wo zur korrekten Interpretation der jeweiligen Sätze der Rekurs auf die zeitliche Komponente einer bestimmten Sprechsituation, in der sie geäußert werden, nicht mehr ausreicht:

 

(26)         Pedro.    - (...) De visita, ¿no, monsieur Armand?

            Armando.- Pues sí. Aquí he venido a ver a mi amigo. Como está enfermo,

                 ¿ sabe usted? (Andrés, ya sin venda, y con bastante miedo, lo mismo que

                 Armando, se dirige a su habitación, olvidándose de cojear.)

                 Pedro.    - Cuando yo me fui hace un rato, sí que lo estaba. Pero

                 ahora veo que anda perfectamente. Y, además, sin

                 venda ... ¿Ha ocurrido un milagro, señor?

                 Andrés.   - Pues no. Que me he aliviado mucho. Y en vista de eso pensaba salir.

                                                                                          (Ninette, 105)

 

(27)        Arturo.       - ¿Te acuerdas de mis padres?

                Pedro.     - ¡Cómo no me voy a acordar!

                Arturo.    - Yo, ahora, de pronto, me he puesto a recordarlos mucho, y me ha dado

                                     pena. (Un silencio.) Te acordarás de que aquel bombardeo fué la noche de

                                     navidad.

                Pedro.       - ¡Que sí me acuerdo!

                Arturo.    -  No habíamos cenado. Nos habíamos acostado aburridos ... y tristes

                                    ... Y mis padres ya no se despertaron más.

                Pedro.       - Aquella noche hubo mucha desgracia.

                Arturo.    - Para mí, que era un chaval, toda la desgracia del mundo.

                                                                                                          (Muerte, 71)

 

 

Um einen Satz im imperfecto wie ,sí que lo (enfermo) estaba‘ sowie solche Sätze im pluscuamperfecto wie ,No habíamos cenado‘ und ,Nos habíamos acostado aburridos ... y tristes ...‘ richtig zu verstehen, benötigt der Hörer neben dem Sprechzeitpunkt eine weitere Instanz. Die Instanz ist in diesem Falle der sprachliche oder auch nicht-sprachliche Kontext. Für die richtige Interpretation der zur Diskussion stehenden Sätze im imperfecto bzw. pluscuamperfecto ist der Hörer darauf angewiesen, daß im Kontext ein Bezugspunkt gegeben ist, der seinerseits in einer bestimmten zeitlichen Relation zum jeweiligen Äußerungszeitpunkt, in diesem Fall in der Relation der Vorzeitigkeit, stehen muß und in bezug auf den er die Ereignisse, auf die in den Sätzen jeweils Bezug genommen wird, in eine zeitliche Relation setzen kann. Ein solcher Bezugspunkt kann z.B. ein anderes Ereignis, auf das mit Hilfe eines Satzes oder einer Nominalphrase Bezug genommen wird, oder ein im Kontext explizit genanntes Zeitintervall oder ein solcher Zeitpunkt sein. Der in Beispiel (26) geäußerte imperfecto-Satz ist dann so zu verstehen, daß der Zustand, auf den dort Bezug genommen wird, im Moment des Stattfindens des im temporalen Nebensatz ‚cuando yo me fui hace un rato‘ referierten Ereignisses noch andauert; die in Beispiel (27) geäußerten pluscuamperfecto-Sätze sind in der Weise zu interpretieren, daß zwei bestimmte Ereignisse, deren Beschreibung in ihnen gegeben werden, vor dem mit Hilfe der Nominalphrase ‚aquel bombardeo‘ wiedergegebenen Ereignis, das als Bezugspunkt dient, stattgefunden bzw. nicht stattgefunden haben. Wenn wie in den beiden gerade besprochenen Fällen eine bestimmte Tempusform in der Weise verwendet wird, daß der in einer bestimmten Sprechsituation geäußerte Satz, in dem sie vorkommt, in zeitlicher Hinsicht nicht in bezug auf die zeitliche Komponente der Sprechsituation, sondern relativ zu einem im Kontext, auf welche Weise auch immer, gegebenen Bezugspunkt, der seinerseits in einer bestimmten zeitlichen Relation zum jeweiligen Äußerungszeitpunkt steht, interpretiert werden muß, spricht man auch von einem relativen Gebrauch der betreffenden Tempusform[26].

Der in der vorangegangenen Diskussion angesprochene Bezugspunkt, der im sprachlichen oder nicht-sprachlichen Kontext gegeben sein muß, damit ein Satz mit einer relativ gebrauchten Tempusform zeitlich interpretiert werden kann, erinnert an den ,,reference point” in der Analyse der (englischen) Tempora bei Reichenbach. Reichenbach beschreibt die Bedeutung aller (englischen)  Tempusformen in den Termini der beiden Relationen ,,gleichzeitig mit" (,,koinzidiert mit") und ,,vor" bzw. der hierzu inversen Relation ,,nach" zwischen den theoretischen Entitäten ,,moment of event" (E) und ,,reference point" (R) einerseits und ,,reference point" und ,,moment of speech" (S) andererseits[27]. Die theoretische Entität des ,,reference point" ist bei der semantischen Beschreibung der hauptsächlich relativ gebrauchten englischen Tempusformen past perfect und future perfect von Nutzen; sie kann deshalb in diesen Fällen mit einem im Kontext durch einen Satz, eine Nominalphrase oder ein Zeitadverbial ausgedrückten Ereignis oder Zeitintervall bzw. Zeitpunkt, die jeweils als Bezugspunkt für die zeitliche Interpretation der in bestimmten Situationen geäußerten Sätze im past perfect oder future past dienen, identifiziert werden. Daneben wird der ,,reference point" von Reichenbach und anderen Autoren[28] aber auch benötigt, um alle anderen (englischen)  Tempusformen semantisch zu beschreiben, also auch die hauptsächlich als absolute Tempora gebrauchten Tempusformen. So wird der ,,reference point" u.a. dazu benutzt, um die ,,semantische Ähnlichkeit" und den semantischen Unterschied zwischen dem absolut gebrauchten simple past und dem ebenfalls absolut gebrauchten present perfect herauszustellen. Anders als im Fall der kontextrelativ verwendeten ist im Fall der absolut verwendeten Tempusformen eine Identifizierung des ,,reference point" nicht mehr möglich [29]. Die von Reichenbach innerhalb seines Beschreibungsrahmens postulierte theoretische Entität des ,,reference point” darf daher also nicht mit dem im Kontext explizit oder implizit gegebenen Bezugspunkt für die zeitliche Interpretation eines in einer bestimmten Situation geäußerten Satzes mit einer kontextrelativ gebrauchten Tempusform verwechselt werden. Da in Reichenbachs Beschreibungssystem der ,,reference point” für die semantische Analyse aller Tempusformen, gleichgültig ob sie nun als absolute oder kontextrelative Tempora gebraucht werden, benötigt wird, wird die von uns gerade herausgestellte Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Gebrauch der Tempusformen in seinem System verwischt. Diese Feststellung gilt auch für andere Versuche, in den Apparat zur semantischen Beschreibung der Tempusformen neben der Instanz des Sprechzeitpunktes allgemein eine weitere Instanz einzuführen. Eine solche Instanz, oft ,,Betrachtzeitpunkt" genannt, in bezug auf die der Ereigniszeitpunkt zeitlich positioniert wird und die ihrerseits selbst in einer bestimmten zeitlichen Relation zum Sprechzeitpunkt steht, wird für die Beschreibung des deutschen Tempussystems u.a. von Baumgärtner/Wunderlich (1969) und Harweg (u.a. 1974) und im Bereich der romanischen Sprachen, speziell für die Beschreibung des spanischen Tempussystems, von Bull (1960, 1965), Heger (1963, 1967, 1974) und Rojo (1974) angenommen.

 

Die Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Gebrauch der Tempusformen läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Verwendung der beiden Begriffe ,,absoluter” vs. ,,relativer Gebrauch einer bestimmten Tempusform" bezieht sich auf die semantische Interpretation eines in einer bestimmten Situation geäußerten Satzes, der eine so oder so gebrauchte Tempusform enthält. Im Fall einer absolut gebrauchten Tempusform wird eine zeitliche Relation zwischen dem im jeweiligen Satz wiedergegebenen Ereignis und der zeitlichen Komponente der Situation, in der ein solcher Satz geäußert wird, d.h. dem jeweiligen Sprechzeitpunkt, ausgedrückt. Wird dagegen eine bestimmte Tempusform in einem in einer bestimmten Situation geäußerten Satz relativ gebraucht, so drückt sie eine zeitliche Relation zwischen dem Ereignis, auf das in dem betreffenden Satz Bezug genommen wird, und einem als Bezugspunkt dienenden und im Kontext des betreffenden Satzes explizit ausgedrückten oder aber vom Sprecher und auch Hörer mitverstandenen (anderen) Ereignis oder Zeitintervall bzw. Zeitpunkt aus; dabei kann prinzipiell jedes im Kontext eines solchen Satzes durch einen ganzen Satz oder durch eine Nominalphrase wiedergegebene Ereignis oder jeder durch einen entsprechenden Ausdruck (gleichgültig ob es sich um einen deiktisch verwendeten Ausdruck handelt oder nicht) bezeichnete Zeitpunkt die Rolle des Bezugspunktes übernehmen.

 

Auch in den spanischen Grammatiken wird eine Unterscheidung zwischen “tiempos absolutos" und ,,tiempos relativos" gemacht, u.a. etwa bei Lenz (1925), Gill y Gaya (1961) und Academia (1973) [30]. Besonders klar kommt die Unterscheidung in der Akademie-Grammatik zum Ausdruck: ,,(a)  Se llaman tiempos absolutos los que, medidos desde el momento en que hablamos, se sitúan por sí solos en nuestra representación como presentes, pasados o futuros, sin necesitar conexión alguna con otras representaciones temporales del contexto o de las circunstancias del habla. Son tiempos directamente medidos desde nuestro presente. Se usan generalmente como absolutos los siguientes tiempos: presente (,amo'), perfecto simple (,amé'), perfecto compuesto (‚he amado‘) y futuro (,amaré‘);  (...) Enunciados aisladamente, sugieren enseguida la situación temporal precisa de la acción que expresan; su punto de referencia es, como hemos dicho, el acto de la palabra.  (b)  Los restantes tiempos de la conjugación son relativos o indirectamente medidos, porque su situación en la línea de nuestras representaciones temporales necesita ser fijada por el contexto, y especialmente por medio de otro verbo o de un adverbio con los cuales se relaciona;  (...)”[31]

 

Die in der spanischen Grammatikterminologie zum Ausdruck kommende Unterscheidung von “tiempos absolutos” und “tiempos relativos” suggeriert, daß die Dichotomie den Tempusformen direkt zugeordnet ist, d.h. daß die spanischen Tempusformen in zwei Gruppen zerfallen, in die Gruppe der nur absolut gebrauchten und in die Gruppe der nur relativ gebrauchten Tempusformen. Da aber, wie sich im Verlauf der Arbeit zeigen wird, alle uns beschäftigenden Tempusformen, perf simple, perf comp und imp, sowohl (sprechzeitpunkt-)deiktisch als auch kontextrelativ verwendet werden können und da auch die Akademie-Grammatik zugibt, daß zumindest die von ihr als absolut eingestuften Tempusformen auch kontextrelativ verwendet werden können, halten wir es für adäquater, statt von ,,tiempos absolutos” und ,,tiempos relativos” vom absoluten und (kontext-) relativen Gebrauch der einzelnen Tempusformen zu sprechen.

 

 

© Rainer Kuttert. Kreis der Angewandten Linguistik/ Círculo de Lingüística Aplicada a la Comunicación 14, Mai 2003. ISSN 1576-4737. Erschienen in Syntaktische und semantische Differenzierung der spanischen Tempusformen der Vergangenheit  'perf simple', 'perf comp' e 'imperfecto', Frankfurt am Main, 1982: Peter Lang.

http://www.ucm.es/info/circulo/no14/kuttert.htm

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis dieses Hefts.

 

Zurück zur Titelseite.



[1] Zu der Unterscheidung von ,,Wortform” und ,,Lexem”, von der hier Gebrauch  gemacht wird,  vgl.  Matthews  (1974),  pp. 20 ss.  und Lyons (1977), pp. l8ss.

 

[2] Wir machen hier von der Praxis, wie sie in den meisten spanischen Wör­terbüchern geübt wird,  Gebrauch,  die Infinitivform eines bestimmten Verblexems als Anführungsform dieses Lexems zu verwenden, d.h. mit der Infinitivform auf das zugehörige Verblexem Bezug zu nehmen; vgl. in diesem Zusammenhang auch Lyons (1977), p. 19.

 

[3] Vgl. dazu die Behandlung der zusammengesetzten Formen in der Academia-Grammatik von 1973: ,,La flexi6n de los verbos espanoles comprende formas simples y formas compuestas. Con cada una de las formas simples - si  prescindimos  solo  del  imperativo - se  corresponde  con notable simetría, que no es simplemente formal, una forma compuesta, de la que entran a formar parte la forma simple correspondiente del auxiliar ‚haber’ y el participio del verbo conjugado: amo : he amado; amaba : había amado; amé : hube amado’, etc.” Als Grund, die zusammengesetzten Formen in das Flexionssystem des spanischen Verbs mit aufzunehmen, wird u.a. angeführt: “Si nos atenemos a los principios lingüísticos más rigurosos, estas formas llamadas compuestas no constituyen tema propio de la Morfología, sino de la Sintaxis, ni más ni menos que otras perífrasis verbales. Para la inclusión de las formas compuestas en el cuadro de la flexión, como hacemos en esta parte de la Morfología, hemos de tener en cuenta: (...) En segundo lugar, aunque no existen a favor de los grupos ‚he amado, había amado’, etc., las razones acentuales que permiten considerar el futuro y el condicional, ‚amar + (h)é’, amar + (h)ía’, como formas compuestas, a saber, la pérdida del acento de intensidad en el primer elemento de la combinación, sin embargo, las formas de ‚haber’ que acompanan al participio: ,he, había, hube’, etc., no menos que ‚-(h)é’, ,-(h)ía’ en el futuro y condicional, han perdido su contenido semántico originario para convertirse en ,mero signo formal’, como dice Cuervo. Que esto es así lo prueba también el hecho de que el complemento directo y los acusativos pronominales que se construyen con verbos transitivos, por ejemplo, ,he amado, había amado’, etc., no son hoy, para el sentimiento lingüístico, complementos directos de ,he, había’, etc., como lo fueron en sus origenes, sino del grupo entero sentido como unidad, como cualquier forma flexiva simple.”, § 2.10.3.

 

[4] Für das Spanische vgl. in diesem Zusammenhang die Transformationsgrammatik von Hadlich (1971), p. 91.

 

[5] Zur (temporalen) Deixis vgl. u.a. Bühler (1934), Heger (1963), pp. l3ss. und Lyons (1977), pp. 677ss.

 

[6] Wunderlich (1970), p.92.

[7] Die Ausgaben, nach denen diese Texte im folgenden jeweils zitiert wer­den, finden sich in der Bibliographie.

 

[8] Vgl. Davidson (1967b, 1970); daneben auch Schnelle (1973a), pp. 175ss.

[9] Vgl. zum Folgenden Schnelle (1973a), pp. 184-86,und Kempson (1977), pp. 34ss.

[10] Davidson (1969b), pp. 218s.

 

[11] Vgl. a.a.O., pp. 219s.

 

[12] Vgl. in diesem Zusammenhang Montague (1968); auch Wunderlich (1970).

 

[13] Vgl. zu dem Begriff Referenz- bzw. Bezugspunkt Montague (1968) und Schnelle (1973a), pp. 238ss.

 

[14] Vgl. Montague/Schnelle (1972), Definitionen D.4.16 und D.4.17; daneben auch  König/Lutzeier (1973),  p.   281,  Aqvist (1976), p. 232,  Aqvist (1977), p. 61, Aqvist/Guenthner (1978), p. 173.

[15] Lyons (1968), p. 445.

[16]Schnelle (1973a), p. 256.

[17] Schnelle (1973a), p. 257.

[18] Vgl. auch Fabricius-Hansen (1975), p. 8s.

[19] Vgl. Lyons (1968), pp 453s.

[20]Vgl. a.a.O., p. 450 und 455.

[21]Vgl. a.a.O., pp. 458s.

[22]Vgl. Lyons (1968), p. 460s.

[23] Vgl. Lyons (1968), p. 461; zur Antonymie, pp. 463ss.

[24] Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Definition der Ambiguität bei Schmidt (1977), p. 26 und Anm. 41.

[25] Vgl. HelbiglBuscha (1974), pp. 121 s.

[26] Vgl. Helbig/Buscha (1974), p. 121s.; zur Unterscheidung zwischen deiktischer und kontextrelativer Verwendung der Tempusformen, vgl auch Markus (1977), pp. 19ss.

[27] Reichenbach (1947), pp. 287 ss.

[28] Vgl. u.a. McGilvray (1974); Hornstein (1977) und Aqvist (1976), der den  Versuch unternimmt,  die Analyse der englischen Tempusformen durch Reichenbach formalsemantisch zu rekonstruieren.

[29] McGilvray (1974) und Aqvist (1976) interpretieren den ,,reference point" Reichensbachs generell als Variable über mögliche Außerungszeitpunkte, in bezug auf die ein dem jeweils zu interpretierenden Satz entsprechender Satz, der sich im Fall der Nicht-Koinzidenz von R und S von jenem nur durch eine andere Tempus form unterscheidet, wahr sein soll; so soll etwa ein Satz im past perfect dann und nur dann wahr sein, wenn der ihm entsprechende Satz im simple past (McGilvray) bzw. der ihm entsprechende Satz im present perfect (Aqvist) bezüglich eines als möglicher Äußerungs zeitpunkt  dieser  Entsprechungen  aufgefaßten  ,,reference point", der selbst in der zeitlichen Relation des ,vor‘ zum ,,moment of speech" steht, wahr ist.

[30]Vgl. auch Rallides (1971); Rojo (1974) u.a.

[31] Academia (1973), p. 462 s.