Reformvorschläge zum Studiengang „Neuere Fremdsprachen“ (F6)

 

clac 3/2000

 

 

Otto Winkelmann

 

Universität Gießen

 

Otto Winkelmann

 

Einleitung

 

Es ist seit langem bekannt, dass das Studium einer oder besser mehrerer Fremdsprachen und eines Sachfaches günstige Berufsaussichten bietet. Ein derartiger Kombinationsstudiengang kommt sowohl dem Sprachenstudium als auch dem Studium des Sachfachs zugute. Das Sprachenstudium, dessen Berufsperspektiven außerhalb von Schule und Hochschule sehr begrenzt sind, erweitert sich im Hinblick auf ein breites Berufsfeld; das Studium des Sachfaches wird durch die Tatsache bereichert, dass sich den Absolventen über die studierten Sprachen neue Sprach-, Kultur- und Wirtschaftsräume öffnen.

 

Die Gießener Kollegen, die vor 20 Jahren den Diplomstudiengang „Neuere Fremdsprachen“ aus der Taufe hoben, haben mit dieser Fächerkombination Wegweisendes geleistet und Mut zur Zukunft bewiesen. Und diese Leistung wird keineswegs durch die Tatsache geschmälert, dass von Seiten der Philologien die Hoffnung Pate stand, mit dem neuen Diplomstudiengang den drastischen Rückgang der Lehramtsstudierenden in den 70er Jahren auszugleichen und damit die Auslastung ihrer Seminare zu erhalten.

 

Nachdem in den vergangenen zwei Jahrzehnten insgesamt rund 1.500 Studierende den Diplomstudiengang „Neuere Fremdsprachen“ erfolgreich absolviert haben, müssen wir leider feststellen, dass die Neuein-schreibungen seit mehreren Jahren zurückgehen. Hatten wir bis Anfang der 90er Jahre noch einen Numerus clausus mit einer Zulassungsbeschränkung von 100 Hauptfachstudierenden in der Anglistik und 65 in der Romanistik, so liegen die heutigen Anfängerzahlen zum Teil deutlich unter diesen Werten. Außerdem scheint die Zahl derjenigen zuzunehmen, die mir in ihren Rückmeldungen mitteilten, sie würden, wenn sie die Wahl hätten, nicht mehr F6 in Gießen studieren. Die Attraktivität des Gießener Diplomstudiengangs „Neuere Fremdsprachen“ scheint nachgelassen zu haben. Woran liegt das? Es liegt sicherlich nicht daran, dass die Studienbedingungen oder die Lehre schlechter geworden wären; das genaue Gegenteil ist der Fall. Durch den Rückgang der Zahl der Studierenden hat sich die Betreuungsrelation verbessert; das Diplomexamen ist teilweise entzerrt worden, und die Lehre ist zumindest in einigen Teilbereichen stärker an der beruflichen Praxis orientiert als noch vor einigen Jahren.

 

Der Grund für den Rückgang der Zahl der Studierenden ist m.E. ein anderer: Seit dem Beginn der neunziger Jahre ist eine Reihe von Konkurrenzstudiengängen an anderen Universitäten entstanden, die diejenigen Studierenden, die sich für einen Kombinationsstudiengang aus Fremdsprachen und anderen Fächern, allen voran den Wirtschaftswissenschaften, interessieren, regional abschöpfen. Ich beschränke mich auf die Nennung einiger weniger Beispiele:

 

-           Universität Passau: > Diplomstudiengang „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ mit dem Abschluss Diplomkulturwirt (Kuwi);

                                                 

-           Universität Mannheim: > „Diplomromanistik“ (Französisch als erster Kulturraum, Spanisch und Italienisch wahlweise als zweiter Kulturraum) sowie „BWL mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt“ (Kultur-BWL) einschließlich länderspezifischer Medienwissenschaften;

 

-           Universität Saarbrücken: > Magisterstudiengang „Französische Kulturwissenschaft und interkulturelle Kommunikation“ sowie Diplomteilstudiengang „Grenzüberschreitende deutsch-französische Studien (Saarbrücken – Metz) mit integriertem Auslandsstudium und Doppeldiplom;

 

-           Universität Köln: > Interdisziplinärer Diplomstudiengang „Regionalwissenschaften Lateinamerika“ (unter Beteiligung des romanischen, des historischen und des volkswirtschaftlichen Seminars sowie der Seminare für Finanzwissenschaft, Wirtschaftspolitik und Politische Wissenschaft.

 

Hinzu kommen neue Studiengänge die sich „Computerlinguistik“, „Linguistische Datenverarbeitung“ oder „Sprachliche Informationsverarbeitung“ nennen und das Sprachenstudium mit Informatik verbinden. Eine völlig neue Perspektive eröffnet der Siegener Diplomstudiengang „Internationale Projektierung“, in dem Maschinenbau u.a. mit dem Studium des Englischen oder Französischen als Fachfremdsprachen kombiniert wird.

 

Der Gießener Diplomstudiengang „Neuere Fremdsprachen“ war der erste oder einer der ersten Kombinationsstudiengänge, der eine Reihe von Nachahmern gefunden hat. Wer nachahmt, hat auch die Möglichkeit, aus den Erfahrungen anderer zu lernen und Dinge zu verbessern. Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass einige der aufgezählten Universitäten den Studierwilligen nicht nur geographisch näher liegen, sondern auch von ihrem Studienangebot her den veränderten studentischen Erwartungen und den veränderten Berufsanforderungen besser entsprechen. Die Frage ist also, wie wir den Gießener Diplomstudiengang für Studierende wieder attraktiver machen können. Attraktiver machen kann nur heißen, die Studierenden noch besser, und das bedeutet auf wissenschaftlicher Grundlage praxisorientierter, ausbilden und noch besser betreuen, so dass sie möglichst nahtlos nach ihrem Examen eine ihren Qualifikationen entsprechende Stelle finden.

 

Ich möchte daher einige Reformvorschläge zur Diskussion stellen, die zum großen Teil auf Anregungen und Kritik ehemaliger F6-Studierender beruhen, die mich im Laufe der letzten Jahre erreichten. Fünf Punkte erscheinen mir vordringlich:

 

1. Die Änderung des Namens des Studiengangs

Jeder, der sich mit Marketing oder mit Werbung befasst, weiß, wie wichtig der Name eines Produktes ist. Wenn ich die Perspektive eines Personalchefs einnehme und zum ersten Mal in einer Bewerbungsmappe auf einen Abschluss im Diplomstudiengang „Neuere Fremdsprachen“ stoße, dann muss ich sagen, dass dieser Name – gelinde gesagt – recht unspezifisch, - drastisch ausgedrückt – ziemlich nichtssagend ist. Was bedeutet überhaupt „Neuere“ Fremdsprachen? Welche Sprachen sind damit gemeint?

 

Der eigentliche Nachteil liegt nicht in der Verschwommenheit des Namens, sondern in der Tatsache, dass die entscheidende Sachqualifikation der Studierenden, nämlich der in aller Regel ökonomische Teil der Ausbildung in der Bezeichnung des Studiengangs überhaupt nicht zum Ausdruck kommt. Gerade die wirtschafts-wissenschaftliche Kompetenz ist doch das entscheidende Plus des überwiegend philologisch ausgerichteten Studiengangs. (Ich erwähne nur am Rande, dass Geologie und Geographie m. E. aus dem Studiengang ausgegliedert werden sollten, da sie erstens von den Studierenden kaum noch gewählt und zweitens in einem Magister-Studiengang viel besser aufgehoben wären). Der Name des Studiengangs sollte daher die Besonderheit der Fächerkombinationen ausdrücken, also beispielsweise „Fremdsprachen + Wirtschaft“ oder spezieller „Wirtschaftsanglistik“, „Wirtschaftsromanistik“ oder ähnlich lauten.

 

 

2.        Die Verbesserung der sprachpraktischen und der fachsprachlichen Ausbildung

Auf die sprachpraktische Ausbildung im allgemeinen und auf die Ausbildung in der Fachsprache der Wirtschaft im besonderen muss sehr viel größerer Wert gelegt werden als bisher. Die Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs müssen die studierten Fremdsprachen in Wort und Schrift fließend beherrschen und auch verhandlungssicher in ihnen sein. Natürlich ist die Universität keine Sprachschule. Aber die sprachlichen Fächer müssen die Studierenden trotzdem an die fliessende Beherrschung der studierten Fremdsprachen heranführen und ihnen die Wege aufzeigen, die zur sprachlichen Perfektionierung führen. Statt die Diplomstudierenden mit Feinheiten der Übersetzung literarischer oder – noch schlimmer – pseudoliterarischer Texte, von denen die Feuilletonseiten bestimmter Zeitungen voll sind, zu quälen, sollten wir ihnen Kurse in Freiem Sprechen, Verhandlungs- und Präsentationstechniken bieten. Und vor allen Dingen: Vorlesungen und Seminare müssen zumindest im Hauptstudium in der studierten Sprache abgehalten werden, damit der fremdsprachliche Input während des Studiums größer wird. Schriftliche und mündliche Examina der sprachlichen Fächer sollten vollständig in der Fremdsprache abgelegt werden.

 

 

3.        Der Ausbau der landeskundlichen Ausbildung

Eine solide und vor allem systematisch angelegte landeskundliche Ausbildung in der studierten Fremdsprache muss auf- bzw. ausgebaut werden. Dazu gehören Vorlesungen und Seminare über das Wirtschaftssystem, die politischen Organe, das Rechtswesen, die Sozialstruktur und die Kultur des betreffenden Landes. Denn in diesen Bereichen liegt ein Großteil der Tätigkeitsfelder unserer Absolventinnen und Absolventen: Wer zum Beispiel in Paris eine Messe organisieren muss, in Mailand eine Filiale einrichten soll, oder die interne Kommunikation zwischen einer deutschen Firma und ihrer spanischen Tochtergesellschaft verbessern soll, der wird bald merken, dass die erworbenen fremdsprachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten keineswegs ausreichen, sondern durch vertieftes landeskundliches Wissen ergänzt werden müssen.

 

 

4.        Die Umorientierung der linguistischen Ausbildung

In Anbetracht der Tatsache, dass der Kommunikationsbedarf in der Wirtschaft und in internationalen Institutionen ständig wächst, muss die linguistische Ausbildung, nachdem sie Aufgabenstellungen, Grundbegriffe und Methoden des Faches vorgestellt und einen Überblick über die wichtigsten Teildisziplinen gegeben hat, im Hauptstudium anwendungsorientiert konzipiert werden, so wie es in anderen Ländern längst praktiziert wird. An der Universität Gent gibt es einen anwendungsorientierten Studiengang, dessen Entstehung ich von Anfang an verfolgt habe. Er heißt „Mehrsprachige Betriebskommunikation“ und ist ein voller Erfolg. Im Hauptstudium kommen Firmenvertreter in die Seminare und konfrontieren die Studierenden mit konkreten sprachlich-kommunikativen Problemen ihres Unternehmens. Meistens handelt es sich dabei um Aufgaben der Textoptimierung, sei es im Bereich der Werbung, der internen Kommunikation oder der Betreuung von Kunden oder Lieferanten. Die Studierenden erarbeiten im Team Lösungsvorschläge, die sie anschließend den Firmen unterbreiten und von diesen bewerten lassen. Linguistik wird von den betreffenden Kollegen in Gent nicht mehr als ein überwiegend historisch-philologisches oder rein deskriptives Fach aufgefasst, sondern als eine problemlösende sprachliche Disziplin angesehen. So interessant Sprachgeschichte und Theorievergleich auch sein mögen, wir sollten zumindest im Studiengang „Neuere Fremdsprachen“ unsere akademischen Trockenübungen durch die Einbeziehung von sprachlichen Problemstellungen aus dem Alltags- und insbesondere dem Wirtschaftsleben ergänzen.

 

 

5. Die Gewichtung der Fächer

Fast alle Ehemaligen, die mir schrieben, haben sich im Rückblick darüber beklagt, dass die wirtschaftswissenschaftliche Qualifikation, die sie in ihrem Sachfach erworben hatten, bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen von Arbeitgeberseite entweder als zu gering eingeschätzt oder nicht entsprechend gewürdigt wurden. Die an der Universität erworbenen sprachlichen Fertigkeiten wurden zwar geschätzt, die philologische Ausbildung, auf der das Schwergewicht des Studiengangs liegt, war jedoch in fast allen Fällen ohne jede Bedeutung bei der Einstellung.

 

Ich zitiere aus einem Brief einer ehemaligen Absolventin: „Von den Firmen werden wir auch nur als „Zwischending“ angesehen – und sie haben Recht. Wir können uns nicht auf den typischen BWLer-Posten bewerben, weil uns das 100%ige Fachwissen fehlt. Wir können keine Jahrespläne errechnen, Prognosen aufstellen, Risiken abwägen, einkaufen, verhandeln – wir können auch nicht irgendwelche Zahlen hin- und herbuchen und schon gar nicht können wir eine Firma leiten.“

 

Diese nüchternen Feststellungen sollten uns nachdenklich stimmen und zum Umdenken veranlassen. Wir müssen den jetzigen F6-Studierenden und denjenigen, die sich für den Studiengang „Neuere Fremdsprachen“ interessieren, klipp und klar sagen, dass sie mit Bewerbern, die ein wirtschaftswissenschaftliches Vollstudium absolviert haben, auf dem Arbeitsmarkt nicht konkurrieren können. Wenn das gewünscht wäre, müssten wir neben dem derzeitigen F6-Studiengang einen Parallelstudiengang entwickeln, in dem das wirtschafts-wissenschaftliche Sachfach zum Hauptfach und die beiden Sprachen zu Nebenfächern würden. Für die Studierenden, die eine Karriere in einem Unternehmen anstreben, wäre dies im Hinblick auf die Berufschancen zweifellos der sicherere Weg. Es gibt in der Tat Universitäten, die ein solches doppelgleisiges System entwickelt haben und dadurch großen Zulauf haben - ich denke dabei insbesondere an die Universität Mannheim.

 

Sehr viel schneller realisierbar erscheint mir ein anderer Weg: Wir müssen die Stärken unseres Studiengangs weiter entwickeln und sie vor allem in der Öffentlichkeit wirkungsvoller präsentieren. Wir müssen den potentiellen Abnehmern unserer Absolventinnen und Absolventen deutlich machen, dass wir  mehrsprachige Kommunikationsexperten für vorwiegend international tätige Unternehmen und Institutionen ausbilden, deren zentrale Aufgabe die Optimierung mündlicher und schriftlicher Kommunikation in allen Bereichen ist.  Dieses breite Aufgabenspektrum reicht von der technischen Dokumentation über die Abfassung verständlicher Bedienungsanleitungen bis hin zur Konzeption überzeugender Werbebotschaften. Es schließt auch die Verbesserung der internen Kommunikation und die betriebliche Weiterbildung ein.

 

Kenner wissen, dass der Kommunikationsbedarf der Wirtschaft riesig ist und dass allzuviel Infoschrott produziert wird. Zahlreiche Firmen geben viel Geld für die Rationalisierung der Produktion und die Umstrukturierung der Arbeitsabläufe aus und übersehen dabei oft, dass sprachlich-kommunikative Pannen sie oft noch viel teuerer zu stehen kommen als Produktionsfehler.

 

Dass die A-Klasse umkippte, war letzten Endes ein Kommunikationsproblem, wie Insider wissen. Dass deutsch-französische Unternehmenskooperationen häufig scheitern, ist ebenfalls ein Kommunikationsproblem. Kommunikationsmanagement ist die Zukunftsaufgabe des Informationszeitalters und der fortschreitenden Globalisierung. Das sollten wir bei der fälligen Überarbeitung des Studiengangs berücksichtigen, und dafür sollten wir unsere Studierenden fit machen. Und schließlich müssen wir auch stärker herausstreichen, dass die selbständige Auseinandersetzung mit Texten, an die wir unsere Studierenden heranführen, zusammen mit Auslandsstudium und Firmenpraktika die von der Wirtschaft so dringend gesuchten Schlüsselqualifikationen vermitteln.

 

Zusammenfassung

 

Zusammenfassend ist zu wünschen, dass die fächerübergreifende Ausrichtung des Studiengangs wirklich interdisziplinär wird, und zwar in dem Sinne, dass die Fächer nicht additiv nebeneinander  stehen, sondern integriert ineinandergreifen. Ferner muss die Ausbildung im Hinblick auf das Berufsfeld der internationalen Wirtschaftsbeziehungen deutlicher als bisher interkulturell akzentuiert werden, und der Studiengang muss noch stärker praxisorientiert ausgerichtet werden und sollte am besten ein obligatorisches Auslands-(firmen)praktikum einschließen.

 

Wenn wir, die Lehrenden, und die Universitätsleitung die in diese Richtung gehenden kritischen Anregungen, die - ich betone es noch einmal - zum großen Teil auf Rückmeldungen von Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs beruhen, ernst nehmen und curricular umsetzen, bin ich sicher, dass es gelingen wird, die frühere Attraktivität und Akzeptanz des Gießener Studiengangs zurückzugewinnen.

 

 

© Otto Winkelmann. Círculo de Lingüística Aplicada a la Comunicación/ Kreis der linguistik angewandt auf die kommunikation 3, September 2000. ISSN 1576-4737.

http://www.ucm.es/info/circulo/no3/winkelmann.htm

 

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