DEUTSCHE VERSION


"WENN DICH DER AUSGANG NICHT KÜMMERT,
BIST DU AM ZIEL"

Krüger:"Im Labyrinth", Aus der Ebene (1982)
Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf, lebt in Muenchen. Er ist Verlagsleiter des Carl Hanser Literaturverlags, Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente und der Edition Akzente. Er gewann verschiedene Literaturpreise (Peter Huchel-Preis, Ernst-Meister-Preis...), und ist Mitglied des VS, des PEN, der Mainzer Akademie, der Bayerischen Akademie und der Deutschen Akademie fuer Sprache und Dichtung.
Seit 1972 veroeffentlicht er Gedichte, Erzaehlbaende und Romane, unter denen so erfolgreiche wie Das Ende des Romans. Eine Novelle (1990), Der Mann im Turm (1991), und Himmelfarb (1993).
Zwischen Lesen und Lesen empfing er uns freundlich in seinem Buero im Carl Hanser Verlag, wo er alle unsere Fragen geduldig und humorvoll beantwortete. Seine Antworten sind entsprechend lesenswert.

F- Was unterscheidet den Autor Michael Krüger von dem anderen Michael Krüger (Verlagsleiter, Herausgeber...)?

A- Nichts. Beide Male ist er 53 Jahre alt, 1943 geboren. Beide Male hat er immer weniger Haare, beide Teile leiden an Uebergewicht, nur - der eine hat noch weniger Zeit als der andere. Der eine geht morgens ins Buero und der andere hat schon vorher anderthalb Stunden gearbeitet. Der Bueromensch sitzt dann in dem Buero bis abends, und wenn er nach Hause kommt ist er so muede, daß er sich mit dem anderen kaum noch unterhalten kann. Also unterscheiden sie sich dadurch daß der eine sehr wenig Zeit hat. Die zweite Teil der Frage ist, ob der eine ungluecklicher ist als der andere, und natuerlich waere ich gluecklicher wenn ich mehr Zeit haette, wenn ich schreiben koennte, aber auf der anderen Seite wird so viel geschrieben, daß man sicher auch ganz gluecklich ist, wenn nicht alle immer schreiben.

F- Faellt es Ihnen leicht, immer die richtige Worte zu finden?

A- Nein, ueberhaupt nicht. Das ist das Schwerste! Es gibt einen Satz - von Kafka, glaube ich -"Ein Schriftsteller ist ein Schriftsteller, weil er nicht schreiben kann." Wenn man schreiben koennte, das waere wunderbar. Man koennte alles moegliche werden, man koennte Journalist werden oder man koennte Reden fuer den Bundespraesidenten schreiben. Aber ein Schriftsteller kann ueberhaupt nicht schreiben.

F- Was ist dann Ihre Beziehung zur Sprache?

A- Die Beziehung zur Sprache ist von einer grossen Hochachtung, da man lange braucht bis man die Worte findet. Man versucht immer wieder die Worte von ihrem Thron zu stuerzen und sozusagen das proletarische Wort zu finden, das andere Wort, das keine Arbeit hat und in der normalen Sprache arbeitslos geworden ist, und es in einen Kontext stellen, der ihm einen gewissen Glanz gibt, eine andere Aura und eine genauere Verstaendlichkeit. Aber es ist ja interessant, daß zum Beispiel der Sprachwandel in Deutschland - ich weiss nicht wie sich das in Spanien verhaelt - so rasant ist, daß viele Leute einen Text aus dem 18. Jh. schon gar nicht mehr lesen koennen; daß man bestimmte Romane von Jean Paul nur noch mit dem Lexikon lesen kann und daß wir auf der anderen Seite eine so extrem spezialisierte Sprache haben: in der Jurisprudenz, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Medizin, so daß die literarische Sprache eher eine enorme Funktion hat, weil sie dadurch, daß sie fuer alle eigentlich gelten sollte, natuerlich versuchen sollte das Allgemeine der Sprache aufzubewahren und gleichzeitig sie besonders sein muss, weil sie eine dichterische Sprache ist. Diese beiden Funktionen der Sprache heute zusammenzukriegen zu einem Wort, ist noch schwerer geworden als eben im 18.Jh. und auch im 19.Jh., als die Fachsprachen noch Teile der allgemeinen Sprache waren.

F- Sie haben geschrieben, daß die Wissenschaft wie ein schlechter Roman ist. Ist es alles jetzt nur Sprache? Gibt es keine Wahrheit mehr?

A- Das ist ein grosses Problem, daß man uns die Wahrheit des Schreibens, die Wahrheit der Sprache, die Wahrheit des Wortes in den letzten achtzig Jahren der Philosophie ausgetrieben hat. Die Philosophie hat gesagt: Es gibt keine Wahrheit. Die Wahrheit ist eine sprachliche Konstruktion, eine Uebereinkunft, eine Abmachung, ein Glaube... auf jeden Fall hat sie kein matereiales Konstrukt dahinter. In der ganzen Sprachphilosophie, aber auch in anderen Philosophien gibt es die Wahrheit nicht mehr.
Was das fuer die Schriftstellerei bedeutet, kann man daran sehen, daß die Schriftsteller eben ploetzlich von diesen Problemen befreit sind. Auf der anderen Seite, denke ich, ist alles Schreiben ja nichts anderes als diese verlorengegangene Wahrheit wiederzufinden, und selbst wenn sie nie erreicht werden kann, so ist doch alles Schreiben der Versuch sich dieser Wahrheit zu naehern, die man nie erreichen wird. Denn wenn man sie erreichen koennte, wenn es diesen utopischen Ort gibt, wo Wahrheit und Ding noch einmal zusammenfliessen, dann waere das eine goettliche Sprache, und diese goettliche Sprache existiert nicht.
Nun gibt es ja auch Wahrheitstheorien, die sich ueber eine Konsenstheorie definieren. Das heisst, daß bestimmte Gesellschaften, oder Teile von Gesellschaften, eine Verbindlichkeit, eine Wahrheit verabreden, die, jedenfalls fuer einen bestimmten Zeitraum, als wahr gilt. Also zum Beispiel Habermas, der versucht, eine Wahrheitstheorie aus der Kommunikationstheorie zu entwickeln. Das heisst, Gesellschaften reden so lange ueber einen bestimmten Gegenstand, bis sie eine Uebereinkunft in der Haltung gegenueber diesem Gegenstand finden, der dann, fuer einen gewissen Zeitraum jedenfalls, als verbindlich gilt, bis neue Informationen kommen und diese Wahrheit veraendern oder umstuerzen. Aber der Schriftsteller kann ja nicht mehr damit rechnen, daß er in der Gesellschaft einen Konsens schafft und dieser Konsens dann von allen akzeptiert wird. Das heisst, der Schriftsteller kann diese Wahrheitsfindung nur mit sich selber ausmachen. Und deshalb gibt es so viele Wege zur Wahrheit wie es heute Wege zu Gott oder anderen ungreifbaren Dingen gibt.
Der Verlust dieser metaphysischen Qualitaeten der Literatur jedoch, hat sie natuerlich in eine Situation gebracht, wo sie versuchen muss, mit dieser Leere zurechtzukommen. Wenn Sie heute Beckett lesen, dann ist das ja nichts anderes als der Versuch, eine negative Wahrheit zu formulieren, und es waere ja auch schon viel geholfen, wenn man sagen koennte, in einem bestimmten Schreiben zeigt sich, daß es eine Wahrheit nicht geben kann. Das waere ja auch schon eine Loesung. Aber das Wahrheitsproblem ist zunehmend ein philosophisches geworden, und das bedeutet, daß zunaechst einmal die Literatur davon entlastet wurde.
Zu Beginn des Jahrhunderts, ploetzlich aus dem Kosmos des Buergerlichen Romans - von Balzac bis Fontane und von Dickens bis Turgenjew - die Moderne kam und tausend verschiedene Wahrheiten anbot, in allen Kuensten - in der Malerei, im Theater, in der Literatur, in der bildenden Kunst ganz generell...- und nun am Ende der Moderne, wo alle diese Formen ausprobiert und alle Moeglichkeiten mehr oder weniger erschoepft sind, daß man sich nun nach achtzig Jahren Moderne fragt, ob innerhalb der Literaturbewegung und -entwicklung ein Wahrheitsfaden zu finden ist, an dem man sich durch dieses Labyrinth zurueckschlaengeln kann. Was zu finden ist, ist eine Masse von Literatur und es ist bis heute ja nicht sicher, was von dieser Literatur in das naechste Jahrtausend gebracht werden kann.
Aber es gibt, glaube ich, eine etwas banalere Antwort auf Ihre Frage, und die ist aber viel menschlicher, denn die Wahrheit ist unmenschlich. Die banalere Antwort lautet, daß wir alle wissen, daß eine bestimmte Literatur mit einem Anspruch versehen ist, daß man die auch noch in hundert Jahren liest. Und das ist das was man heute in der ganzen Kanon-Debatte versucht herauszufinden. Manche finden diese Debatte ueberfluessig - ich finde sie nicht so ueberfluessig. Ich glaube, daß jenseits der Wissenschaft ein sehr gesunder Menschenverstand herrscht, der sehr genau weiss, das bestimmte Fragestellungen wichtig sind, die auch im naechsten Jahrhundert noch wichtig sind. Wenn Sie Wittgenstein lesen, dann koennen Sie auch sagen, er hat die Wahrheit mit seinen philosophischen Untersuchungen nicht gefunden, und trotzdem hat er so viele Fragen aufgeworfen daß man ihn wahrscheinlich auch im naechsten Jahrhundert noch lesen wird. Wenn Sie bestimmte theoretische Arbeiten von Marx lesen, dann koennen Sie auch doch ungefaehr wissen, welche Fragestellungen davon auch im naechsten Jahrhundert in der Philosophie der politischen Oekonomie noch eine Rolle spielen werden, und welche veraltet sind.
Zwischen dem Interesse an einem Text und dem Veralten eines Textes gibt es wiederum eine grosse Schere, so daß, am Schluss Schriftsteller uebrig bleiben, die sozusagen nie den Anspruch hatten, die Wahrheit zu finden, die aber Vorschlaege gemacht haben, wie man damit umzugehen hat. Und ploetzlich wird ein Schopenhauer eben wieder interessant, waehrend ein Hegel langsam in die Seminare hinabgleitet und ausser von professionellen Philosophen kaum noch gelesen wird. Es waere schon mal eine spannende, unter Studenten zu fuehrende Frage, die zehn Buecher der spanischen, deutschen oder franzoesischen Literatur zu nennen, von denen man sicher ist, daß sie aufgrund ihrer Fragestellungen auch im naechsten Jahrhundert noch gelesen werden. Und da wird man sehr schnell feststellen, wenn die Leute ehrlich sind und nicht luegen, daß man sich dann doch auf bestimmte Texte konzentriert.

F- Glauben Sie, daß es einen Trend oder eine Mode in der deutschen oder europaeischen Literatur gibt?

A- Das glaube ich nicht. Ich glaube, es gibt einen Trend in der Weltliteratur und der lautet: wir muessen Geschichten erzaehlen! Und das ist meines Erachtens ein Reflex auf die Tatsache daß die eigenen Lebensgeschichten uninteressant geworden sind oder als uninteressant empfunden werden, und man deshalb aus den Buechern hoeren will, die anders sind. Man fragt sich doch: warum gibt es ueberhaupt noch Liebesgeschichten? Alles ist erzaehlt ... Abelarde et Eloise ... Es gibt zehn grosse Liebestragoedien und -komoedien und man fragt sich: Warum muss das alles wieder erzaehlt werden? Das ist ja eine Frage, die man sich stellen kann - muss! Da eigentlich diesen alten Erzaehlungen nichts Neues hinzugefuegt wurde. Das haengt damit zusammen, daß die Sozialverhaeltnisse so kompliziert geworden sind, daß man sie gerne in Form von Buechern noch einmal erzaehlt bekommt. Ich glaube, das ist der einzige Trend, den man sehen kann: weg vom Experiment, vom sprachlichen Experiment, und zurueck zu funktionierenden Geschichten. Das ist der Siegeszug der amerikanischen Literatur.

F- Aber in Ihren Prosabaenden ist der Erzaehler immer ueber das taegliche Leben erstaunt. Was bedeutet fuer Sie "Wach zu sein" ?

A- Ich glaube, daß diese Welt in der wir leben die undurchsichtigste ist, die man sich nur vorstellen kann. Wir haben alle auf der Universitaet gelernt, daß die modernen Demokratien dazu da sind, den Menschen zu entlasten und die Umwelt durchsichtig zu machen. Also wurden deshalb alle sozialen Einrichtungen geschaffen um den Einzelnen, das Individuum, zu entlasten und Institutionen sollten diese Arbeiten uebernehmen, von der Krankenkasse bis zur Sozialversicherung.
Die Wahrheit ist aber, nach meinem Empfinden, daß die Welt immer undurchsichtiger geworden ist. Wenn man abends ins Bett geht, denkt man, daß es ein Wunder ist, daß man ueberhaupt noch auf der Welt ist. Die Welt ist so undurchsichtig und Kompliziert geworden, daß man sich gar nicht vorstellen kann, daß irgend jemand auf dieser Welt, sie ueberhaupt verstehen oder durchschauen kann. Fuer mich ist das ein Raetsel. Ich habe nie verstanden, daß es Menschen gibt, die durch die Welt gehen und sagen: "Das ist ganz einfach. Man muss das so und so und so machen und dann hat alles seine Ordnung." Fuer mich ist die Welt immer kompliziert und mit zunehmendem Alter wird sie immer noch komplizierter. Wenn ich mir Theorien ansehe von Fukujama, daß die soziale Welt zu sich selbst gekommen sei, in den aufgeklaerten Demokratien wie wir sie heute haben, kann ich nur lachen. Sie ist ueberhaupt nicht zu sich selber gekommen; sie war noch nie so weit von sich entfernt wie heute.

F- Das bringt Einsamkeit, so wie bei den Personen in Ihren Werken.

A- Ja, das ist sicher eine Folge, daß man dann immer weniger versteht und aber immer weniger Menschen kennt, die einem Antwort geben koennen. Das ist ja in der Philosophie genau so. Als ich jung war gab es zwanzig Philosophen die mich tief interessiert haben und mit denen ich mich dauernd beschaeftigte. Jetzt gibt es vielleicht noch zwei.

F- Diese Leute, die alles wissen sind die Akademiker? In Ihren Buechern ist die akademische Welt als sehr falsch beschrieben. Ist das so?

A- Es gibt einen beruehmten Satz des deutschen Philosophen Marquart, der die beruehmte Feuerbach'sche These von Marx ("Man hat die Welt nur immer verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu aendern") umgekehrt hat und sagte "Die Philosophen haben immer gewollt, daß die Welt sich aendert, es kommt darauf an, sie in Ruhe zu lassen." Die Wissenschaftler koennen die Welt nicht in Ruhe lassen, sonst waeren sie keine Wissenschaftler. Sie merken aber nicht, daß sie die Welt wirklich durcheinanderbringen. Man denkt sich schon manchmal, daß es eigentlich ganz schoen waere, wenn sie sozusagen mal ein "Sabatical" haetten, also ein Jahr, in dem sie nichts machen. Das wuerde sicher mal Ruhe in die Welt bringen.

F- Wie eng sind Ihre Werke mit Deutschland verknuepft?

A- Deutschland ist mein Land und mein Schicksal und meine Sprache, hier kenne ich mich am besten aus. Hier hat es den Faschismus gegeben, hier hat es ueber fuenfzig Jahre die Trennung eines Landes gegeben, und in diesem ganzen Desaster bin ich aufgewachsen. Meine Lehrer waren durch und durch noch Faschisten, nach dem Krieg. Ich komme aus dem Osten, bin in Berlin zur Schule gegangen und habe die ganze deutsche Malaise irgendwie gefuehlt, mitgemacht. Aber eben auch die grossartigen, die wunderbaren Seiten dieser Entwicklung: eine sichere und parlamentarisch funktionierende Demokratie. Ich will mich nicht ueber dieses Land beklagen, aber es ist kein Land, das man lieben muss.

F- Ist Deutschland das Symbol einer kulturellen Zersetzung des Abendlandes?

A- Nein, das wuerde ich nicht sagen. Man kann Deutschland viel vorwerfen, aber es hat hier keine wirklichen Dekonstruktionisten gegeben.

F- Sie sprechen sehr ironisch ueber Presse und Fernsehen...

A- Ich halte es fuer eine Tragoedie, daß der Mensch auf die Welt gekommen ist; ich halte es fuer eine Tragoedie, daß er nicht alleine ueberleben kann; ich halte es fuer eine Tragoedie, daß er immer mit allen anderen zusammen sein will. Das Fernsehen hat ja diese Doppelfunktion: man sitzt alleine vor dem Fernseher, man weiss aber gleichzeitig, daß 50 Millionen Leute die selbe Sendung sehen, den selben Kriminalfilm oder Sportsendung. Es hat also eine januskoepfige Funktion: es vereinsamt und ist zugleich der groesste Kommunikator. Das ist entsetzlich, da dadurch alle eine Praegung bekommen, die identisch ist, waehrend unser Leben natuerlich als ein individualistisches gedacht war. Das ist furchtbar, aber es ist so. Man kann darueber klagen, aber es nutzt nichts. Insofern ist die Klage ein bisschen kostenlos.

F- Welchen Stellenwert hat das Internet fuer Sie als Verlagsleiter und Herausgeber?

A- Um ganz ehrlich zu sein, habe ich mich bisher sehr wenig darum gekuemmert, da ich keine Zeit habe. Ich weiss nur, daß ein Verlag natuerlich heute ohne ein Internet gar nicht mehr auskommt. Wir sind mit allen verbunden und der Verlag hat ueberall die technischen Facilitaeten - nur, wie Sie hier sehen, gibt es in meinem Zimmer keine Schreibmaschine und keinen Computer. Ich bin der einzige, der nur noch ein Telefon hat. Das ist alles. Ich weiss, daß das sehr arrogant und altmodisch ist, aber ich hatte keine Zeit mich damit zu beschaeftigen. Ich habe mich theoretisch damit beschaeftigt, was das bedeutet fuer die Veraenderung der ganzen Kommunikationskultur, aber persoenlich bin ich sehr weit davon entfernt.

F- Glauben Sie, daß sich die Buchkultur veraendern wird?

A- Da bin ich ganz sicher. Es faengt damit an, daß zum Beispiel die Geisteswissenschaften kuenftig ueber Datenbanken miteinander kommunizieren. Das bedeutet, was die Philologie und Geisteswissenschaften betrifft, daß sie sich alle in Englisch ausdruecken muessen. Und das ist eine Tragoedie, aber es ist nicht zu aendern. Ein Islaender wird sein "Abstract" in englischer Sprache schreiben, es wird ueber das Internet verteilt werden und alle werden wissen, daß es eine Arbeit von Ingmar Gunmundson ueber die Sonette Petrarcas gibt. Das wird diese Seite der Literatur veraendern. Es wird bestimmte Buecher nicht mehr geben, da der Informationsfluss durch das Internet laeuft.
Zweitens werden, da bin ich ganz sicher, die Naturwissenschaften in fuenfzig Jahren nicht mehr gedruckt werden. So wie jetzt bereits eine Zeitschrift fuer Mathematik existiert, nicht auf Papier, sondern nur noch auf dem Schirm. Es wird mit Sicherheit noch lange Romane geben, weil die einfach sehr schoen in der Tasche zu tragen, leicht, billig sind.
Ich frage mich, ob wir Kommunikationstechniken wie das Internet brauchen, ob sie notwendig sind, um unsere Konditionen zu verbessern, oder ob das nur technische Entwicklungen sind, die immer weiterlaufen, weil sie irgendwer einmal angefangen hat. Diese Frage muessten sich die Benutzer des Internet selber stellen. Man muesste eine richtige Befragung machen, was sie sich davon erwarten, ausser das es schnell geht und sich jeder irgend etwas angucken kann. Ist das wirklich eine konditionelle Verbesserung unseres Hirns, unserer Physis, unserer Beweglichkeit, oder ist das nur ein Mittel, um uns zu verlangsamen, und uns duemmer zu machen? - man hat ja alles auf seinem Schirmchen. Das ist die Hauptfrage, die die naechsten zehn Jahre immer wieder gestellt wird. Es waere gut, wenn sie nicht immer von Kulturkritikern, sondern von den Benutzern, den "Usern" gestellt wuerde, und man Kataloge entwickelte, was man denn nun mit dem verdammten Internet in Zukunft machen will.

F- Was ist Ihrer Meinung nach jetzt die Rolle des Schriftstellers, wenn es ueberhaupt eine geben sollte?

A- Zu schreiben. Er kann ja nur versuchen zu schreiben. Ob es noch eine Rolle des Publikums geben wird, ob es noch eine Rolle der Kritik geben wird in fuenfzig Jahren, ist eine andere Frage, und die ist interessant, aber die kann ich nicht beantworten. Ich bin kein Prophet, aber ich koennte mir denken, daß irgendwann in dreissig Jahren alle europaeischen Kritiker sich treffen und gemeinsam Suizid verueben weil sie funktionslos geworden sind. Kein Mensch hoert dann mehr zu, was die sagen. Sie treffen sich also alle auf der Plaza Mayor, essen noch einmal gut, trinken, und machen dann kollektiven Selbstmord.

F- Wuerden sie keinen Kanon hinterlassen?

A- Der Kanon kommt nicht durch die Kritiker. Der kommt durch die Leser. Ich glaube, das ist ja doch ein grosser Unterschied zwischen dem Glauben der ersten Haelfte und der zweiten.

F- Haben Sie als Leser Ihren eigenen Kanon?

A- Ich habe natuerlich meinen Kanon. Ich lese immer wieder meine Buecher. Ich bewundere Kafka, ich bewundere Robert Walser, lese den jungen Goethe, Buechner, die Geschichten von Kleist... Wenn man so wenig Zeit wie ich hat, freut man sich ueber kurze Buecher. Ich lese jeden Tag viele Gedichte.

F- Was lesen Sie momentan?

A- Ich kann Ihnen sagen, was ich heute Abend lesen werde. Es gibt eine neue Uebersetzung der Gedichte von Konstantinos Kavafis, zum ersten mal alle Gedichte: die aus dem Nachlass, die von ihm unterdrueckten, usw. Und da habe ich mir gerade das erste Exemplar geholt und werde es mit Sicherheit heute Abend lesen.

F- Als Verlagsleiter lesen Sie jeden Tag neue Buecher. Worauf haetten Sie gar keine Lust, es zu lesen?

A- Systematische Philosophie, weil sie so entsetzlich langweilig ist, und langweilige Romane. Nichts ist furchtbarer, als wenn man 500-Seiten Romane lesen muss, die einen ueberhauptnicht interessieren, weder sprachlich, noch inhaltlich, noch irgend etwas. Das ist die Tragoedie meines Lebens, daß ich immer Buecher lesen muss, die mich nicht interessieren.

F- In welchem Zustand befindet sich Ihrer Meinung nach der Westen?

A- Es gibt einen Satz, der meines Erachtens von Valerie stammt, aber mittlerweile hat ihn Derrida usurpiert, und der lautet: "Es wird sich zeigen, ob Europa wie ein kleines Anhaengsel an Asien sein wird, oder ob Europa noch einmal mit irgendeinem Sinn gefuellt werden kann." Im Moment habe ich nicht den Eindruck, daß man sich ueber europaeische Kultur besonders viel Gedanken macht. Im Wahlkampf in England zum Beispiel kam Kultur ueberhaupt nicht vor, es gab sie nicht. In Frankreich ist durch den schnellen Wechsel natuerlich eine gewisse Unsicherheit entstanden, und die Frage, ob man sich nicht doch wieder ueber Kultur unterhalten sollte.
In Deutschland ist es schwierig, denn wir haben ja keine zentralistische Kulturverwaltung, sondern ist Sache der Bundeslaender, so daß die lokalen Kulturen sehr unterschiedlich sind. Von der Bundesregierung selber erwarte ich hinsichtlich Kultur ueberhaupt nichts. Mit anderen Worten: es kommt sehr darauf an, ob die Schriftsteller, die Intellektuellen, die Theater, die kulturellen Institutionen in der Lage sind, ein Klima zu schaffen, in dem es sich lohnt, ueber Kultur nachzudenken. Wir haben in den naechsten acht Wochen die drei groessten Kunstereignisse der bildenden Kunst: vor vier Wochen war die Ausstellung in Berlin "Rueckblick auf ein Jahrhundert", vorgestern war Venedig, in vier Wochen ist die Documenta und dann kommt die grosse Skulpturenausstellung in Muenster.
Wenn Sie sich ansehen, was bisher an Berichterstattung und philosophischer Fragestellung dazu erschienen ist, dann haben Sie den Eindruck, als seien alle ueberdruessig, sich noch einmal mit dieser Kunst auseinanderzusetzen. Das repetitive Element ist so stark, daß die Leute glauben, es nicht mehr sehen zu koennen, daß da noch ein Tannenbaum in der Ecke steht oder irgendwie ein Kalbskopf von Maden zerfressen wird. Es ist der Augenschein - das was man sieht, hat man alles schon einmal gesehen ... basta. Es ist also nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren, als man hinging, weil man etwas neues erwartete, sondern geht heute in die Kunstausstellung, um das Alte zu sehen, weil einen das Neue zutiefst anoedet. Diese Tendenz koennte sich fortsetzen, so daß es in Europa eine starke elitaere rechte Bewegung nach rueckwaerts gibt, die, konservativ, sich noch mal sozusagen mit dem Recycling des Alten beschaeftigt. Um Ihre Frage zu beantworten: im Moment sehe ich keine grossen europaeisch relevanten kulturelle Versuche, aus Europa heraus etwas zu bauen. Das einzige, was Europa im Moment wirklich interessiert, ist das Geld. Das ist alles. Wenn in der Zeitung ueber Kunst geredet wird, geschieht das im Stil der Ironie. Das heisst, daß die Kritik bereits alles kennt, und alles vorher weiss, und tief gelangweilt ist - und dieser Ennui ist gefaehrlich.

F- Sie sprechen sich immer gegen Ironie aus. Was ist so gefaehrlich daran?

A- Ironie ist nicht mehr gefaehrlich. Ich sage nur, daß, wenn Sie ironisch ueber Kultur reden, dann damit rechnen muessen, die Kultur nicht mehr ernst genommen wird, und ich frage mich, ob man das soll.

F- Die Kunst hier hat nichts mit dem Publikum zu tun?

A- Das weiss ich gar nicht, aber bei Kunst ist es egal, wie Hans Magnus Enzensberger mal gesagt hat, ob es Dante oder Donald Duck ist. Es gibt sozusagen kein qualitativer Unterschied mehr. Es ist egal. Ich habe den Eindruck, es gibt zuviel Kunst. Man hat jetzt schon zum zehnten mal das Bild gesehen, auf dem nichts drauf ist, und will jetzt nicht das elfte sehen.

F- Dann sind Sie nicht mit der Theorie einverstanden, daß jeder ein Kuenstler sein kann...

A- Nein, ich hasse das. Das geht davon aus, daß Kunst eine angeborene Sache ist, und das stimmt einfach nicht. Wenn man so denkt, weiss man nicht warum Leonardo da Vinci, Michelangelo und Goya gelebt hat. Wer so denkt ist meines Erachtens verrueckt oder hat von der Kunst nichts begriffen.

F- Was wuerden Sie darueber denken, wenn ich diesem Interview den Titel eines Satzes aus Ihrem Buch "Aus der Ebene" geben wuerde, naemlich: "Wenn Dich der Ausgang nicht kuemmert, bist Du am Ziel."

A- Ja. Das ist wahr, das ist eine der Wahrheiten.

F- Arbeiten Sie momentan an etwas neuem?

A- Ja. Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr viele Essays geschrieben und sitze auch an einem Roman, aber ich weiss nicht, ob der fertig wird, denn er ist jetzt bereits so dick. Das werde ich dann wieder alles wegwerfen, und da freue ich mich auch schon darauf, es zu vernichten...

F- Vielen Dank für dieses Interview.

© Susana Pajares Toska 1997

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