Materialismo Histórico y Teoría Crítica
TÍTULO PROPIO DE LA UNIVERSIDAD COMPLUTENSE - MADRID

    materiales | 03.Marzo.2003

Shareholder-Value-Kapitalismus und Reorganisation von Unternehmen |
Karin Lohr, Humboldt-Universität zu Berlin

0. Vorbemerkungen
1. „Organisierter", „kooperativer" oder „institutionalisierter" Kapitalismus unter Veränderungsdruck
2. Shareholder-Value-Kapitalismus als neue gesellschaftliche Regulationsweise?
3. Shareholder Value und Reorganisation von Unternehmen
4. Schluss und Ausblick

0. Vorbemerkungen

Diese Veranstaltungsreihe nimmt Bezug zur kritischen Theorie und ich möchte mich hier vor allem mit ökonomischen Aspekten dieser Sichtweise befassen und der Frage nachgehen, inwiefern die Gesellschaftsdiagnose von Vertretern der kritischen Theorie heute noch aktuell ist. Dabei geht es mir zum einen darum, die Charakterisierung der Gesellschaftsformation als „organisierten Kapitalismus" oder „Spätkapitalismus" in seiner industriegesellschaftlichen Ausprägung der gegenwärtigen Debatte um das Entstehen eines „Shareholder-Value-Kapitalismus" gegenüberzustellen und der Frage nachzugehen, ob es sich wirklich um eine neue Form des Kapitalismus handelt. Zum anderen soll anhand empirischer Befunde aus einem Projekt, welches durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert wurde, gezeigt werden, welche Konsequenzen eine zunehmende Shareholder-Value-Orientierung in Multinationalen Konzernen hat und inwiefern sich auf Unternehmensebene im internationalen Vergleich Elemente einer neuen Akkumulationsweise durchsetzen resp. diese durch nationale und unternehmensspezifische Faktoren gebrochen wird.
 

1. „Organisierter", „kooperativer" oder „institutionalisierter" Kapitalismus unter Veränderungsdruck

Wesentliche Punkte der Charakterisierung der kapitalistischen Gesellschaft durch Vertreter der kritischen Theorie (aber auch der Regulationsschule und industriesoziologischer Ansätze) lassen sich knapp in folgenden Punkten zusammenfassen:

a) Die kapitalistische Ökonomie ist charakterisiert durch spezifische Eigentumsverhältnisse und die Organisation des Austausches über den Markt. Es gilt das das Tauschprinzip (Produktionsverhältnisse). Auf der Seite der Produktivkräfte dominieren technologische Entwicklungen. Aus beiden Aspekten, dem Tauschprinzip und der als Sachzwang erscheinenden technischen Entwicklung entspringt eine instrumentelle Vernunft und eine Verdinglichung des Verdinglichung des Bewusstseins, die hinter dem Rücken der Akteure vor sich geht und letztlich der Verschleierung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse dient (Adorno). Aus den Grundprinzipien des tayloristisch-fordistischen Produktionsmodells resultierenden Produktivitätsfortschritte (Massenproduktion und Massenkonsum) erlauben Verteilungsverhältnisse, die das Aufbrechen des Klassenkonflikts verhindern.

b) Der Staat schafft die optimalen Verwertungsbedingungen für die kapitalistische Wirtschaft, in dem er die Reproduktion sichert, aber sich auch aktiv in die Produktion einschaltet (öffentliche Nachfrage nach Gütern und Leistungen, Wirtschaftspolitik). Das administrative System des Staates springt damit in die Funktionslücken des Marktes (Habermas). Folge ist die Entstehung eines öffentlichen Sektors, sozialer Sicherungssysteme und eines instutionalisierten Systems des Interessenausgleichs zwischen Arbeitsnehmern und Arbeitsgebern, zwischen Arbeit und Kapital (Massendemokratie und Wohlfahrtsstaat).

c) Gleichzeitig dringt die kapitalistischen Klassenideologie in alle gesellschaftlichen Bereiche (Kultur, Medien, Sprache) vor. Horkheimer spricht in diesem Zusammenhang von einer „Hegemonie des Kapitals über die Gesellschaft", einem „totalen Verblendungszusammenhang". Diese Entwicklungen führen zugleich zu einer „Kolonialisierung der Lebenswelt"(Habermas).

d) Das Vordringen dieser „instrumentellen Vernunft" führt zu einem Verlust an Individualität und der Herausbildung von Klassen und Schichten, wobei der Klassenkonflikt latent bestehen bleibt, aber durch Massendemokratie und Wohfahrtsstaat ausgeglichen wird.

Diese wesentlichen Mechanismen prägen alle gesellschaftlichen Institutionen, Organisationen, aber auch individuelle Akteure.

In der (deutschen) Industriesoziologie resultiert daraus die zentrale Annahmen, dass die Strategien der Rationalisierung im Zeitalter der tayloristisch-fordistischen Industriegesellschaft direkter Ausdruck der der kapitalistischen Produktionsweise inhärenten Logik der Kapitalverwertung ist und daraus eine fortschreitende Degradierung von Arbeit und Subsumtion von Arbeit unter das Kapital resultiert. Diese deterministische Position wurde häufig kritisiert und gerade mit Blick auf Entwicklungen in den letzten zwei Jahrzehnten auch – zumindest teilweise – revidiert.

Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts werden verschiedene Entwicklungstrends diagnostiziert und darum gestritten, ob diese Ausdruck eines Wandels des Kapitalismus sind und eine neue Epoche kapitalistischer Entwicklung einleiten. Ursachen für diese Veränderungen sind dabei systemimmanent: Akkumulations- und Überproduktionskrisen, sich verschärfenden Wettbewerb, Erschöpfung der Produktivitätsreserven etc. Knapp gefasst werden als wesentliche Entwicklungstrends beschrieben:

a) Die Entstehung eines neuen Rationalisierungstyps, der die Abkehr von tayloristisch-fordistischer Rationalisierung (Technisierung, Arbeitsteilung und Ersetzung lebendiger Arbeit) markiert und sich vor allem in einer Reintegration von Arbeitsfunktionen, einer Enthierarchisierung und der umfassenden Nutzung menschlicher Produktivitätsressourcen und –potenziale zeigt.

b) Einem wirtschaftsstrukturellen Wandel von der Industrie- zur „nachindustrielle Gesellschaft": Dienstleistungsgesellschaft, Wissensgesellschaft und Informationsgesellschaft etc.

c) Der Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien, die einen neuen Möglichkeitsraum eröffnen und weitere Produktivitätsfortschritte versprechen.

d) Der fortschreitenden Individualisierung und damit eines neuen „Eigensinns" der Lebenssphäre" (Bischoff/Detje) sowie

e) Veränderte Governanceformen sowohl innerhalb der Unternehmen als auch bezüglich staatlicher und marktlicher Regulierung. Dabei wird insbesondere auf die Entwicklung internationaler Finanzmärkte und eine zunehmende Shareholder-Value-Orientierung verwiesen.

Insbesondere der letzte Punkt, die Ausprägung eines neuen Regulationsmodells, lässt die Rede von einer neuen Phase des Kapitalismus aufkommen: Dem Shareholder-Value-Kapitalismus.

In der wissenschaftlichen Debatte wird der Begriff des Shareholder Value unterschiedlich konnotiert und verwendet: Zumindest zwei verschiedene Sichtweisen sind zu identifizieren:

a) Sharholder Value als neue Form des Kapitalismus (Candeis/Deppe „Ein neuer Kapitalismus?", Sammelband, hier insbesondere Bischoff/Detje): Vertreter dieser Sichtweise knüpfen an marxistische Traditionen und die Regulationstheorie an und begeben sich auf die Suche nach neuem Akkumulationsmodell und einer neuen Regulationsweise in einer nach wie vor kapitalistisch verfassten Gesellschaft.

b) Shareholder Value als Managementkonzept: Vertreter dieser Überlegungen befassen sich vor allem damit, wie sich die Unternehmenssteuerung und –verfassung (Corporate Governance) unter den Bedingungen der Regulation über internationale Finanzmärkte verändert. Im Mittelpunkt steht dabei, wie sich die Orientierung auf eine Steigerung des Marktwertes den Unternehmens auf Organisations- und Beschäftigungsstrukturen sowie die Arbeitsbeziehungen auswirkt.
 

2. Shareholder-Value-Kapitalismus als neue gesellschaftliche Regulationsweise?

Die zentrale Frage bei der Betrachtung aktueller Entwicklungen ist, inwiefern Charakterisierungen der kapitalistischen Gesellschaft, die in der Tradition marxistischer Theorien oder der kritischen Theorie stehen, heute noch zutreffen. Haben wir es mit einer neuen Logik der Kapitalverwertung zu tun? Führt die Rede vom Shareholder-Value-Kapitalismus zu einer Auflösung oder Verschärfung der Widersprüche des Kapitalismus?

Zusammenfassend lassen sich die Merkmale des organisierten und des Shareholder-Value-Kapitalismus wie folgt darstellen:
 

  Organisierter Kapitalismus Shareholder-Value-Kapitalismus
Eigentumsstrukturen Privatkapital, Unternehmen, Banken (national gebunden) Institutionelle und private Anleger auf internationalen Finanzmärkten
Rationalisierungsmodus Technisierung, fortschreitende Arbeitsteilung, Unter-ordnung der Individuen Ganzheitlicher Zugriff auf menschliche Leistungsressourcen
Rolle des Staates nationalstaatliche Absicherung und Unterstützung wirtschaftlicher Aktivitäten,

Wohlfahrtsstaat

Liberalisierung: Nationalstaat als Wettbewerbsstaat schafft günstige Voraussetzungen für Kapital
Ideologie Klassenideologie durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche, Vorherrschen instrumenteller (technisch-ökonomischer) Vernunft Ideologie des Geldes: Ökonomisierung und Vermarktlichung aller gesellschaftlichen Bereiche
Sozialstruktur Entsubjektivierung und Ent-individualisierung, Entstehung von Klassen und Schichten Indivualisierung, neue Subjektivität vs. Ökonomisierung des Subjekts

 

Bei der Debatte um einen Shareholder-Value-Kapitalismus wird die wesentliche Ursache für dessen Entstehen in der Krise der tayloristisch-fordistischen Produktionsweise gesehen, die ihren Ausdruck in einer Überakkumulation von Kapital, einer Überproduktion und der Erschöpfung von Produktivitätsreserven findet. Die tayloristisch-fordistische Phase als das „golden age" der Industriegesellschaft hat also ihren Untergang selbst produziert. Um Verwertung zu sichern strebt daher das Kapital danach, neue Märkte und Produktivitätsreserven zu erschließen. Dies scheint möglich durch einen zunehmende Internationalisierung und Globalisierung der Produktion, die aber dadurch eine neue Qualität erhält, dass nicht nur um die Erschließung neuer Absatzmärkte, sondern die Organisation effizienter internationaler Wertschöpfungsketten geht. Nach dem Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems (nationale Kapitalverkehrskontrollen) 1973 entwickelten sich daher internationale Finanzmärkte. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien machten es möglich, Kapital schnell weltweit zu transferieren. Im Ergebnis haben wir es also mit einer grenzenlosen Mobilität des (Finanz-)Kapitals zu tun. Der Finanzmarkt erscheint als effizienter Mechanismus der Allokation von Kapital.

In Folge dessen verändern sich Kapital- und Eigentumsstrukturen: Ausländische Direktinvestitionen haben zugenommen (Folie), eine Welle von Mergers&Aquisitions und wachsende Kapitalverflechtungen sind zu verzeichnen. Wesentlicher erscheint jedoch, dass sich Unternehmensentscheidungen an den Kapitalmärkten orientieren, daraus ein erhöhter Effizienz- und Kostendruck (Unternehmensschließungen und -verlagerungen, Beschäftigungsabbau, Wettbewerb) resultiert und dies zu einer wachsenden Unsicherheit individueller und kollektiver Akteure. Die neue „Hegemonie" des Shareholder Value führt zu einer Verselbständigung der Geld- gegenüber der Kapitalakkumulation (Bischoff/Detje) und zu einer neuen Herrschaftskonstellation, die die Internationalisierung der kapitalistischen Produktion weiter vorantreibt. Negativer Effekt kann jedoch sein, dass durch die Entkopplung von realem Anlagevermögen und fiktivem liquiden Kapital (Anspruch auf Dividende, die auf dem Markt gehandelt werden) eine Gleichgültigkeit des Eigentümers/Anlegers gegenüber dem realen Kapital resultiert, so dass die möglichen „exit" Entscheidungen der Anleger eine wachsende Unsicherheit für die Unternehmen bedeutet (Windolf).

Rolle des Staates: Der aus der Orientierung am Shareholder Value resultierende neuer Globalisierungsschub und die relativ freie Beweglichkeit des Kapitals setzt nationale Wirtschafts-, Finanz- und Steuersysteme unter Druck. Es entsteht eine neues Wettbewerbsregime auf internationaler Ebene, dem die Nationalstaaten wenig entgegenzusetzen haben. Dadurch geraten auch die öffentlichen Haushalte in eine Krisensituation und der Wohlfahrtsstaat scheint nicht mehr finanzierbar. Gefahren für Bildung, Kultur, Famlienpolitik etc. und ein Abbau der wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssysteme ist die Folge. Eine neoliberale Politik, die darauf setzt, Marktkräfte freizusetzen, sowie eine günstige Angebotspolitik gegenüber der Wirtschaft (Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes, Wirtschafts-, Steuer- und Beschäftigungspolitik) scheint den meisten Staaten ein geeignetes Mittel (Wettbewerbsstaat). Sie konkurrieren um Investoren und Anleger und versuchen Kosten zu senken (z.B. Steuern, Arbeitskosten) um für Kapital attraktiv zu sein. In den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens wird eine Ökonomisierung und Marktsteuerung der Leistungsangebote angestrebt (z.B. Altenpflege, Gesundheitswesen). Zugleich werden die institutionelle Systeme, insbesondere das System der Arbeitsbeziehungen in Frage gestellt. In Deutschland zeigt sich dies am Beispiel der Durchlöcherung des Tarifvertragssystems und der Debatte um das Ende des deutschen Mitbestimmungsmodells. Gegenüber dem Modell des „rheinischen Kapitalismus" mit seinen grundlegenden Säulen Unternehmensverfassung (Aufsichtsräte, die Vorstände kontrollieren, Unternehmensmitbestimmung), Banken und Überkreuzbeteiligungen von Unternehmen und Technikorientierung im Management scheint – auch wenn bislang erst erste Wandlungstendenzen zu verzeichnen sind – das „angelsächsischen Modell" (Aktienbesitz und Shareholder-Value-Orientierung, Dominanz institutioneller Anleger und ökonomische Orientierung des Managements) effizienter (Jürgens u.a. WZB-paper). Inwieweit hier bereits tatsächlich neue Entwicklungstrends festzustellen sind, bleibt in der Literatur umstritten. Zwar kann gezeigt werden, dass es einen Trend zur Veränderung von Eigentumsstrukturen gibt, eine Entflechtung der „Deutschland AG" angestrebt wird und zunehmend auch deutsche Unternehmen den Börsengang versuchen, aber dennoch hat das deutsche Governancemodell eine relative Stabilität, die sich insbesondere im Bereich der Unternehmensmitbestimmung zeigt.

Bezüglich der sozialen Struktur der Gesellschaft scheint Einigkeit darüber, dass traditionelle Klassenmilieus erodieren und eine Heterogenisierung und Individualisierung fortschreitet. Wirtschaftlicher Strukturwandel und veränderte betriebliche Rationalisierungsstrategien führen zu paradoxen Entwicklungen: Einerseits ergeben sich neue Chancen für Individualität (Freiheits- und Gestaltungsspielräume in der Arbeit, gestiegene Qualifikationsanforderungen, Wohlstand). Andererseits entstehen aber auch neue Risiken: Flexibilisierung von Arbeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Entsolidarisierung und Ökonomisierung der menschlichen Beziehungen. Seinen Ausdruck findet diese Debatte in der These vom Arbeitskraftunternehmer (Pongratz/Voss). Die zentrale These ist, dass die Ware Arbeitskraft im traditionellen Sinne obsolet geworden ist und neue Strategien der Nutzung von menschlicher Arbeitskraft zu einem grundsätzlichen Wandel der gesellschaftlichen Verfassung von Arbeitskraft führt, die wiederum das gesamte Arbeits- und Berufsverhalten sowie die Lebensweise der Arbeitenden beeinflusst: Erstens wird Fremdkontrolle ersetzt durch zunehmende Selbstkontrolle. Das Individuum selbst muss sich um die Veredelung des Halbproduktes Arbeitskraft bemühen, um fachliche Flexibilität und Mehrfachqualifikation zu sichern. Die Arbeit ist aktiv zeitlich strukturieren und interpersonale Beziehungen sind selbst zu steuern. Sinnfindung gewinnt als Motivationsfaktor eine neue Bedeutung. Zweitens kommt es zu einer erweiterte Ökonomisierung der Arbeitskraft (Streben nach Verwertung des eigenen (Arbeits-)vermögens, zweckgerichtete und effizienzorientierte individuelle Produktionsökonomie, aktive Integration und Vermarktung des Leistungsvermögens in den betrieblichen Kontext, Tauschwert gewinnt vor Gebrauchswert, Orientierung an abstrakten Markterfordernissen, nicht mehr nur Vertrauen auf eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten (GW) sondern Anpassung an abstrakte Markterfordernisse). Schließlich wird eine Verbetrieblichung der Arbeitskraft, die man als neue Form der „Kolonialisierung der Lebenswelt" interpretieren könnte, prognostiziert. Damit ist gemeint, dass eine systematische Organisation des gesamten Lebenszusammenhangs mit dem Ziel der Vermarktung der eigenen Arbeitskraft notwendig wird. Alltägliche Aktivitätspotentiale werden dabei genutzt (Geldvermögen, soziale Netze und Kontakte, Alltagstechnik, Wohnung, Arbeitsleistung weiterer Personen, z.B. Partner, Kinder). Die Arbeitskraft wird somit zum eigenen Betrieb: Ressourcenallokation, Rationalisierung, systematische Organisation wird jetzt auch individueller Arbeitskraft zugeschrieben.

Als Zwischenfazit bleibt festzuhalten: Betrachtet am die Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene, so scheinen sich einige wesentliche Tendenzen abzuzeichnen, die dafür sprechen, dass das Akkumulations- und Regulationsmodell des „organisierten Kapitalismus" einem grundlegenden Wandel erfährt. Ob damit jedoch eine neue Epoche des Kapitalismus, z.B. ein Shareholder-Value-Kapitalismus eingeläutet wird, bleibt offen. Einigkeit besteht dahingehen, dass ein finanzgetriebenes Akkumulationsmodell voranschreitet, inwiefern dies aber auch zu einem neuen Regulationsmodell führt, kann gegenwärtig schwer beantwortet werden. Der Shareholder Value eignet sich offensichtlich gut als neues Leitbild kapitalistischer Ökonomie, um Verwertungsinteressen durchzusetzen. Deutschmann (2002) argumentiert, dass die Finanzmärkte Mythen konstruieren und pflegen (Informationstechnologien, Biotechnologie, neue Medien, Telekommunikation) die Erfolg versprechen, aber nicht unbedingt erfolgreich sein müssen, wie der Zusammenbruch der New Economy deutlich vor Augen geführt hat (Mimikry-Kapitalismus). Er leitet daraus die These ab, dass nicht „objektive" Bewegungsgesetze die kapitalistische Entwicklung regieren, sondern Prozesse der Konstruktion und Dekonstruktion okonomisch-technischer Leitbilder" (Deutschmann 243).
 

3. Shareholder Value und Reorganisation von Unternehmen

Auf Unternehmensebene ist der Shareholder Value gegenwärtig das zentrale Leitbild. Allgemein bedeutet dies die konsequente Ausrichtung der Geschäftspolitik auf Aktionärsinteressen. Dabei orientiert sich das Konzept am rationalen Kapitalanleger, der rein ökonomische Motive hat. Es geht nicht vordergründig um erwirtschafte Gewinne, sondern um die Steigerung des Unternehmenswertes mit Blick auf zukünftige Gewinne und zu erwartende Zinserträge. Der Aktienkurs ist die alles entscheidende Meßlatte. Es soll kontinuierlich Wert geschaffen werden.

Die Orientierung am Shareholder Value hat in den Unternehmen zu einer Reihe von strategischen Neuorientierungen und Veränderungen in den Organisationsstrukturen geführt. Als wesentliche Punkte sind dabei zu nennen

a) Die Entwicklung einer Methode zur Berechnung des Unternehmenswertes und die Ableitung zentraler Führungsgrößen (Economic Value Added, Capitel Asset Pricing Modell, Discounted Cash Flow, Return on Investment etc. – Folie IGM-Papier). Damit verändern sich in den Unternehmen die Koordinations- und Steuerungsmechanismen. Eine Steuerung über Kennziffern, also eine externe ökonomische Steuerung, erlangt Vorrang gegenüber bürokratischen und personalen Mechanismen der Kontrolle und Steuerung. Strategische Entscheidungen über Investitionen, Produktinnovationen, Unternehmenszusammenschlüsse, Verkäufe etc. werden daran orientiert, welche ökonomische Rendite zu erwarten ist, dies unterstellt Zweckrationalität von Entscheidungen und erscheint als eine neue Form „instrumenteller Vernunft".

b) Um diese Kennziffern anwendbar und zurechenbar zu machen und auch eine interne Berichterstattung zu ermöglichen, ist eine Segmentierung und Autonomisierung der Unternehmenseinheiten durch die Bildung von Cost- und Profitcentern erforderlich. Die führt zu einer Vermarktlichung auch der innerbetrieblichen Beziehungen zwischen den Einheiten, die häufig auch mit innerbetrieblichem Wettbewerb verbunden ist.

c) Die Einführung von Quartalsberichterstattungen dient der Pflege der „Investor relations" und soll den Anlegern vermitteln, wie es gelungen ist, den Unternehmenswert zu steigern.

d) Die Einführung von Kennziffernsystemen und die Veränderung von Organisationsstrukturen dient dabei zugleich dem Ziel, Wertschöpfungsprozesse zu rationalisieren. In diesem Zusammenhang kommt es häufig zu einer Konzentration auf die Kerngeschäfte, dem Outsourcing von Unternehmensfunktionen und der Verringerung von Durchlaufzeiten. Personalabbau und erhöhter Leistungsdruck sind die Folge.

e) Um die Shareholder Value Orientierung auch für Management und Belegschaften subjektiv spürbar zu machen und individuelle Interessen an Unternehmensinteressen zu binden werden Aktionsoptions- und Gewinnbeteilungsprogramme aufgelegt und Mechanismen des wertorientierten Managements eingeführt.

An diesen Mechanismen orientieren sich nahezu alle Unternehmen und diese werden zum Leitbild, um der Shareholder-Value-Orientierung zu entsprechen. Es mehren sich allerdings die Stimmen, die argumentieren, dass diese neue Form der Corporate Governance mit einer Reihe von Problemen und Widersprüchen verbunden sind. Hier soll nur auf einige Punkte verwiesen werden:

a) Ein wesentliches Problem liegt daran begründet, dass eine eindeutige Berechnung des Unternehmenswertes nur bedingt möglich ist und Börsenwerten teilweise entkoppelt von tatsächlichen Unternehmenswerten und –gewinnen sind. Erklärt wird dies daraus, dass eine Dekontextualisierung der Informationen über Märkte und Unternehmen die Akteure unfähig macht, zwischen der tatsächlichen Profitabilität der Wirtschaft und den systemintern durch die Finanzmärkte selbst generierten Signalen zu unterscheiden. Die Bewertung von Unternehmen durch Analysten ist durch eine Vielzahl von Faktoren (politische Einflüsse, Marktbewertungen usw.) beeinflusst. Ein Betriebsrat eines deutschen Unternehmens bringt dieses Phänomen wie folgt auf den Punkt: „ Ein Analyst erinnert mich an einen Mann, der 49 Liebespositionen kennt, aber kein einziges Mädchen". (IGM-Papier). Auch versuchen die Unternehmen selbst , sich möglichst positiv darstellen, um die Interessen der Anleger zu wecken. Symbolische Inszenierungen und eine politische Rhetorik führen zur Entkopplung von „talk" und „action" (Deutschmann 249 nach Brunsson 1989), so dass eine „objektive" Bewertung des Unternehmenswertes schwierig ist. Eine Überbewertung der Unternehmen kann die Folge sein, wie der Niedergang der sog. New Economy anschaulich zeigt.

b) Empirisch festgestellt wird auch, dass die Orientierung am Shareholder Value häufig zu einer Kurzfristigkeit von Managementstrategien führt, so dass eine langfristige Rentabilität möglicherweise nicht gesichert ist und die kurzfristige Orientierung zu einer Innovationsschwäche führen kann. Die Konzentration aufs Kerngeschäft, massives Downsizing, vertikale Integration und Leistungsverdichtung können verbunden mit konservativen Formen der Arbeitsorganisation zu einem Verlust an Wissens- und Innovationspotentialen führen (Hirsch-Kreinsen).

c) Innerhalb der Unternehmen führt die Ökonomisierung der Unternehmenssteuerung und die Vermarktlichung der Beziehungen zwischen den Unternehmenseinheiten zu neuen strukturellen Egoismen, die das zentrale Ziel der Optimierung der Wertschöpfungsketten zu unterlaufen vermögen und letztlich Probleme der Koordination und Steuerung anderer Art aufwerfen.

d) Letztlich kann die Shareholder-Value-Orientierung auch zu einer Einschränkung der Managementautonomie führen. Renditekriterien und der direkte Einfluss institutioneller Anleger begrenzen den Entscheidungsspielraum von Managern und sie geraten in widersprüchliche Entscheidungssituationen (Kapitalmarkt vs. Produktmarkt).

e) Verwiesen wird zudem verstärkt darauf, dass die Interessen der Stakeholder (Beschäftigte, Gewerkschaften, regionale und nationale politische Akteure) zunehmend vernachlässigt werden. Unternehmen werden zunehmend institutionell entbettet, was nicht nur für nationale und regionale Stabilitätsprobleme sorgt, sondern möglicherweise langfristig auch zuungunsten der Unternehmen wirkt, wird damit ihr Ressourcenzugang doch beschränkt.

Die zentralen Argumente in der kritischen Auseinandersetzung mit den veränderten Formen der Corporate Governance beziehen sich vorrangig auf die Funktionsfähigkeit und –lücken der Steuerung über den Shareholder Value in den Unternehmen. Ausgeblendet wird dabei dass auch global agierende und an den Börsen notierte Unternehmen nach wie vor lokal institutionell eingebettet sind. Der These von der Entkopplung von Shareholder-value-Orientierung einerseits und realer Unternehmenssteuerung und Wertschöpfung andererseits ist die These von der institutionellen Einbettung und Pfadabhängigkeit von global agierenden Konzernen hinzuzufügen. Dies soll knapp an eigenen empirischen Befunden aus dem Bereits erwähnten DFG-Projekt verdeutlicht werden.

Die empirische Analyse in drei multinationalen Unternehmen der gleichen Branche zeigt, dass in allen Unternehmen die Steigerung des Unternehmenswertes und die Orientierung an den Interessen der Aktionäre als strategisches Ziel formuliert wird, entsprechend sind auch die bereits beschriebenen Mechanismen der Unternehmensrestrukturierung (Kennziffernsteuerung, Reduzierung auf das Kerngeschäft, Vermarktlichung der Beziehungen zwischen den Einheiten, wertorientiertes Management etc.) in allen Unternehmen zu identifizieren. Inwiefern diese Mechanismen jedoch Relevanz für alltägliches wirtschaftliches Handeln erlangt und welche Wirkung diese Mechanismen haben, ist durchaus sehr differenziert (dies kann hier leider nicht weiter erläutert werden, aber vielleicht ist Raum dafür in der Diskussion).

Die empirischen Befunde zeigen, dass das Leitbild des Shareholder Value nicht widerstandslos vom Top-Management aufgenommen wird. Zwar wird nach außen repräsentiert, dass die Unternehmen die Mechanismen zur Steigerung des Unternehmenswertes anwenden. Innerhalb der Konzerne erfolgt jedoch ein Rückgriff auf traditionelle Steuerungsmechanismen und wird an Traditionen beim Treffen strategischer Entscheidungen (z.B. bezüglich von Produktinnovationen), bei der Organisation der Wertschöpfungsketten und beim Umgang mit den Beschäftigten festgehalten. Die stützt die These von der strukturellen Entkopplung.

Andererseits wird das Leitbild Shareholder Value vielfach gebrochen durch die institutionelle und kulturelle Einbettung von Akteuren und Unternehmen. Wesentliche Faktoren (Lewin et al. 1999 a) dabei sind:

a) Die jeweils nationalspezifischen Arbeitsbeziehungen: Diese sind Resultat machtbasierter Interaktionen zwischen Akteuren und befinden sich in fortlaufender Verhandlung. Verschiedene Elemente sind hier von Bedeutung, z.B. Gewerkschaften, Betriebsräte oder Arbeitsmärkte. In den untersuchten Unternehmen zeigt sich z.B. das im deutschen Konzern, aber auch in den deutschen Niederlassungen des finnischen und us-amerikanischen Konzerns das stark institutionalisierte System der industriellen Beziehungen dahingehend wirkt, dass ein Durchgreifen der Orientierung am Shareholder Value vermindert werden könnte. Entlassungen, Lohnabbau und Sozialabbau ist hier wesentlich schwieriger als beispielsweise in britischen Niederlassungen der gleichen Konzerne.

b) Die Struktur des Kapitalmarktes und die jeweils konkrete Eigentumsstruktur: Unterschieden werden können als Aktionärsgruppen: Unternehmen, private Haushalte, Versicherungen, Investmentfonds, Banken, öffentliche Haushalte und die übrige Welt (ausländische Aktionäre). Will man die Aktionärsstrukturen verschiedener Länder unterscheiden, ist es hilfreich, nach Aktionärsgruppen zu unterscheiden, die eher Befürworter des Shareholder Value sind und solchen, die dem eher ablehnend gegenüber stehen. Betrachtet man den deutschen Kapitalmarkt, überwiegen die Gegner des Shareholder Value. Diese sind nicht per se Gegner von Shareholder Value. Die Aktienanteile (meist in Überkreuzbeteiligungen eingebunden) dienen aber eher der gegenseitigen Machtabsicherung (gegenüber Kapitalmärkten und ausländischen Investoren) und werden weniger als Finanzspekulationen angesehen. Dafür spricht schon die Tatsache, dass Aktienanteile häufig jahrzehntelang gehalten werden. In angelsächsischen Kapitalmärkten sind solche SV-kritischen Aktionärsgruppen kaum vertreten, was auch gesetzliche Gründe hat (Banken dürfen sich z.B. nur in geringem Umfang an Unternehmen beteiligen). In den untersuchten Unternehmen wirkt die Eigentumsstruktur (institutionelle Anleger im Falle des us-amerkianischen Konzerns, Familienbesitz im finnischen und Überkreuzbeteiligung im deutschen) dahingehend, dass die Entscheidungssicherheit und Stabilität des deutschen und finnischen Konzerns wesentlicher höher sind, was auch positive Effekte für den Erhalt von Standorten und die Sicherung von Arbeitsplätzen mit sich bringt.

c) Die Managementorientierung, die ihren Ausdruck in einer Technikorientierung oder eine eher finanzwirtschaftlichen Orientierung findet. Geht man von einer Dominanz des Shareholder Value bei Investoren aus, so müssten finanzwirtschaftlich orientierte Manager dominieren. Im deutschen Konzern und den deutschen Niederlassungen ist aber nach wie vor eine ingenieurwissenschaftlich geprägte technische Orientierung dominant, die aus dem spezifischen Berufsbildungssystem resultiert und interne unternehmerische Entscheidungen erheblich beeinflusst. So ist die Prozessorientierung und Innovationsfähigkeit des deutschen Unternehmens stärker ausgeprägt als beispielsweise im amerikanischen Konzern.
 

4. Schluss und Ausblick

Bezüglich der eingangs aufgeworfenen Frage, inwiefern der Kapitalismus in eine neue Phase eintritt, kann keine eindeutige Antwort formuliert werden. Die Shareholder-Value-Orientierung ist sowohl auf gesellschaftlicher Ebene wie auch auf Unternehmensebene zum entscheidenden Leitbild geworden. Allerdings werden zugleich eine Reihe von Paradoxien sichtbar, so in etwa die Entkopplung von Finanzmarktökonomie und Produktionsökonomie. Inwiefern sich tatsächlich ein finanzgetriebenes Akkumulationsmodell durchsetzt und daraus auch ein verändertes Regulationsmodell entsteht, bleibt aber nach wie vor offen. Negative Wirkungen dieses Akkumulationsmodells wie etwa ökonomische Instabilität, eine Schwächung der Nachfrage durch zunehmende Arbeitslosigkeit und sinkende Lohnquote und die Zerstörung der sozialen Infrastruktur könnten langfristig gesehen, dieses Akkumulationsmodell selbst in Frage stellen.

Auch sind zwar sind Anzeichen für einen Rückzug des Staates als Regulierungsinstanz festzustellen, zugleich aber wirken traditionelle Institutionensysteme nach wie vor regulierend und entwickeln sich möglicherweise neue zivilgesellschaftliche Möglichkeiten der Begrenzung der Hegemonie des Kapitals.

Eine Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche (Politik, Staat, Wirtschaft) bis hin zum einzelnen Individuum (dem Arbeitskraftunternehmer) zeichnet sich ab und hat offensichtlich widersprüchliche und polarisierende Wirkungen: Die Entstehung neuer hochqualifizierter und hochbezahlter Beschäftigtengruppen einerseits und die Zunahme prekärer Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Armut andererseits. Eine neue soziale Ungleichheit ist die Folge.

In der sozialen Wirklichkeit sind gegenwärtig vielfältige Überlagerungen von alten und neuen Strukturen, verschiedenen Produktionsweisen sowie Arbeits- und Lebensverhältnissen zu identifizieren (Deppe: 62), die es noch nicht erlauben von einem neuen gesellschaftlichen Typus der Produktionsweise zu sprechen. Bischoff/Detje interpretieren die Hegemonie des Finanzkapitals als Ausdruck einer anhaltenden Überakkumulation des Kapitals, welcher noch nicht als ein neuer Regulationsmodus zu fassen ist. Insofern ist auch die Aussage Horkheimers nach wie vor aktuell, dass es darum geht, „den ökonomischen Prozess als bestimmende Grundlage des Geschehens aufzufassen, heißt alle übrigen Sphären des gesellschaftlichen Lebens in ihrem sich verändernden Zusammenhang mit ihm zu betrachten" (Horkheimer, M. 1986: 168).


Universidad Complutense de Madrid | Theoria: Proyecto Crítico de Ciencias Sociales | E-mail: marxismo@theoria.org

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