Materialismo Histórico y Teoría Crítica
TÍTULO PROPIO DE LA UNIVERSIDAD COMPLUTENSE - MADRID

    materiales | 08.Mayo.2003

Kritische Theorie und Dritte Welt. Vom Vietnamkrieg zur neuen Weltgewaltordnung |
Klaus Meschkat, Universität Hannover

Meine Damen und Herren, ich möchte dem Goethe-Institut und meinem Freund und Kollegen Roman Reyes zunächst herzlich für die Einladung danken, hier in Madrid zu Ihnen zu sprechen. Wenn auch Madrid immer eine Reise wert ist, so bin ich heute besonders gern bei Ihnen, weil Spanien und seine Hauptstadt noch vor kurzem einer der wichtigsten Brennpunkte des europäischen Protestes gegen den angekündigten Irakkrieg gewesen sind. Deshalb ist es nicht mein Ehrgeiz, Ihnen weitere allgemeine Darlegungen über Ursachen und Konsequenzen des Irakkriegs zuzumuten - bei der intensiven Debatte in der spanischen Öffentlichheit hieße dies wirklich Eulen nach Athen tragen. Anderseits ist dies aber auch kaum der richtige Zeitpunkt, um einen bloß akademischen Vortrag über geistesgeschichtliche Zusammenhänge zu halten. Als mein alter Freund Oskar Negt zu Ihnen kam, hat er gerade den Tag des Beginns des Irakkriegs erwischt und seinen Vortrag kurzentschlossen umgestellt. Nun hat die Militäraktion der USA und ihrer Verbündeter überraschend schnell zum Sturz des Regimes von Saddam Husseins geführt. Aber abgesehen davon, daß rasche Erfolge einen völkerrechtwidrigen Angriff ebenso

wenig rechtfertigen können, wie die Blitzkrieg-Siege über Polen 1939 oder über Frankkreich 1940 die Aggressionen Hitlerdeutschland nachträglich legitimiert haben - der Sieg über Saddam bedeutet nach dem Willen der selbsternannten Herrscher dieser Welt ja keineswegs die Rückkehr zu einer internationalen Friedensordnung, die von den Vereinten Nationen überwacht wird. Vielmehr hat die übrigebliebene Supermacht erklärt, sie werde den Krieg gegen den Terrorismus bis zum Ende weiterführen, sie werde jeden angreifen, den sie als Gefahr für ihre Sicherheit wahrnimmt, und diejenigen züchtigen, die sich solchen Aktionen widersetzen oder nicht ausreichend kooperieren: Der US-Außenminister hat schon angekündigt, daß unser Nachbarland Frankreich aus diesem Grunde noch eine Bestrafung zu erwarten hat.

Mit dieser Absage der mächtigsten Landes der Erde an eine internationale Rechtsordnung ist eine neue Lage entstanden. Sie nötigt uns alle zur Stellungnahme, und es ist gewiß nicht unbillig, an die Gesellschaftstheorien, die uns die großen Zusammenhänge und die Entwicklungsperspektiven dieser Welt erklären wollen, die Frage zu richten, ob und wie sie in dieser Situation etwas zu unserer Orientierung beitragen können. Diese soll der Gegenstand meines Vortrags sein, bezogen natürlich auf die Kritische Theorie, die in dieser Vortragsreihe behandelt wird.

Oskar Negt, der eigenständig und eigensinnig die Tradition der Frankfurter Schule weiterführt, hat in seinem hier gehaltenen Vortrag seine Ablehnung des angloamerikanischen Aggressionskrieges begründet. Er hat die Grundsätze einer internationalen Friedensordnung dargelegt, die sich auf die Gedanken von Kant, Marx und den Begründern der Kritischen Theorie stützen kann. Inzwischen hat nun auch Jürgen Habermas, dessen intellektuelle Wege ebenfalls von der Kritischen Theorie ausgegangen sind, in einer scharfsinnigen und differenzierten Analyse zum Irakkrieg die Kernfunktion der Friedenssicherung herausgearbeitet, auf die sich die Existenz der Vereinten Nationen gründet, und dazu festgestellt:

"Zur kosmopolitischen Fortentwicklung eines Völkerrechts, das den Stimmen aller Betroffenenen gleichmäßig und gegenseitig Gehör verschafft, gibt es keine sinnvolle Alternative".

Und zur Rolle der USA in diesem Zusammenhang sagt Habermas:

"Die Vereinigten Staaten, die ein halbes Jahrhundert als Schrittmacher auf diesem Wege gelten durften, haben mit dem Irak-Krieg nicht nur diesen Ruf zerstört und die Rolle einer Garantiemacht des internationalen Rechts aufgegeben; mit ihrem völkerrechtswidrigen Vorgehen geben sie künftigen Supermächten ein verheerendes Beispiel. Machen wir uns nichts vor: die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern"

(Jürgen Habermas, Was bedeutet der Denkmalsturz? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.4.03, S.33)

Jürgen Habermas schließt sich mit seiner scharfen Ablehnung der Politik von George W. Bush an die Stellungnahmen vieler Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler in Deutschland an. Der Nobelpreisträger Günter Grass hat zum Beispiel schon lange vor Kriegsausbruch die US-Politik kompromißlos verurteilt. Aber es gibt auch andere Stimmen. So meldete sich wieder ein international angesehener deutscher Schriftsteller zu Wort, dessen Schriften vielfältige Berührungen mit der Frankfurter Schule ausweisen und der bis Ende der 60er Jahre die US-Politik in der Dritten Welt schärfer verurteilt hat als die meisten seiner schreibenden Kollegen. Hans Magnus Enzensberger, der schon zu Zeiten des Golfkriegs von 1991 das amerikanische Vorgehen mit einer Gleichsetzung Hitler-Saddam gerechtfertigt hatte, distanziert sich scharf von der deutschen Friedensbewegung. Er wirft ihr nicht nur Undankbarkeit gegenüber den amerikanischen Befreiern von der Nazidiktatur vor, sondern vor allem den fehlenden Mut zur Freiheit. Deshalb seien die Friedensbewegten auch unfähig, tiefe Freude über den Sturz eines Gewaltherschers zu empfinden.

Noch weiter geht ein Frankfurter Soziologieprofessor, der allerdings nicht der Frankfurter Schule zuzurechnen ist. Karl

Otto Hondrich bekennt sich programmatisch zur Errichtung einer neuen Weltgewaltordnung durch die Vereinigten Staaten: er hält es für eine Sünde der deutschen Regierung, dem Irakkrieg ihre Zustimmung versagt zu haben und dadurch die Legitimationsprobleme einer solchen Weltgewaltordnung verstärkt zu haben. In einer von ihr provozierten Machtprobe zwischen dem Hegemon und dem abtrünnigen Vasallen gerate sie sogar in eine untergründige Nähe zu Saddam und allen, die sich hegemonial gedemütigt fühlen. Hier die abschließende Zusammenfassung in den Worten von Karl Otto Hondrich:

"Die Welt ist US-hegemonial verfaßt, weil es eine Ordnung ohne Gewalt nicht gibt; weil es eine Gewaltordnung ohne Hegemonie nicht gibt und weil es keinen anderen Hegemon gibt, der die Vielfalt, die Widersprüche und die Träume der Welt so sehr in sich vereint wie die Vereinigten Staaten. Wer von ihrer Hegemonie nichts wissen will, der kann die Hoffnung auf den Weltfrieden begraben."

(Karl Otto Hondrich, Auf dem Weg zu einer Weltgewaltorndung, in: Neue Zürcher Zeitung, 22. März 2003).

Gewiß ist dies eine extreme Stellungnahme - sie stieß übrigens sofort auch auf den öffentlichen Widerspruch des gegenwärtigen Direktors des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth. Aber schon wird sichtbar, daß sich nach dem militärischen Sieg der angloamerikanischen Allianz bei den opponierenden oder widerstrebenden Regierungen allmählich die Kraft des Faktischen durchsetzt - und gleich empfehlen clevere Politikberater, den Bruch der internationalen Rechtsordnung einfach zu ignorieren und neue Formen der Kooperation mit den Rechtsbrechern zu suchen. Zwar kann man mit Habermas optimistisch darauf hinweisen, daß die Vereinten Nationen wenigstens dem Druck der USA nicht nachgegeben haben, daß die "Kleinen" im Sicherheitsrat sich von der Supermacht nicht wie so oft erpressen oder einfach kaufen ließen: aber eine Verurteilung der USA und Englands und eine Aufforderung zur Beendigung ihres illegitimen Besatzungsregimes steht noch aus und ist realistisch kaum zu erwarten. Nicht umsonst hat Habermas seinen Artikel mit dem warnenden Hinweis beendet

"Die Reputation der Weltorganisation kann nur durch ihr eigenes Verschulden beschädigt werden: wenn sie versuchen sollte, durch Kompromisse zu `heilen', was nicht zu heilen ist."

Leider zeichnet es sich schon ab, daß wir viele solcher Kompromisse erleben werden - gerade auch seitens der rotgrünen Bundesregierung, deren lange Standhaftigkeit immerhin Respekt verdient. Aber wenn sich eine kritische Sozialwissenschaft nicht selbst überflüssig machen will, darf sie den taktisch motivierten Gedächtnisverlust der handelnen Politiker nicht nachahmen, sie muß ihre unverzichtbaren Kriterien einer internationalen Rechtsordnung auf die neuen Gegebenheiten anwenden, statt sich den durch Rechtsbrecher geschaffenen Fakten einfach anzupassen. Die Rechtsbrecher und Erpresser leben von der Vergeßlichkeit, die sie durch vielfältige Manipulation und vor allem durch ihre Kontrolle der Medien gezielt befördern können: die Orwellschen Gedächtnisschächte existieren nicht mehr nur in der fiktiven Vorwegnahme eines totalitären Überwachungsstaats. Schon der NATO-Angriff aus Jugoslawien war ein Bruch des Völkerrechts, und schon der Golfkrieg von 1991 war unnötig, um den Rückzug des Irak aus dem okkupierten Kuweit zu erzwingen, er wurde wie der gegenwärtige Irakkrieg durch Lügen und Fälschungen vorbereitet, um den Einsatz der amerikanischen Kriegsmaschine als einzig möglichen Weg zur Friedenssicherung hinzustellen.

Aber das Verhältnis der USA zu Ländern der "Dritten Welt" hat eine längere Vorgeschichte als die der Golfkriege. Dreißig Jahre nach dem Pinochet-Putsches drängt sich die Erinnerung an eine ununterbrochene Kette von US-Interventionen in Lateinamerika seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts auf, Kuba, Guatemala, Nikaragua, Chile, Granada, Panama und Kolumbien - militärische Einmischungen teils mit direktem Einsatz von amerikanischen Truppen, teils durch Unterstützung von Terrorkommandos oder putschenden Offizierscliquen. Aber die folgenreichste Intervention war ohne Zweifel der Vietnamkrieg, von dessen "Trauma" sich die USA durch ihre spektakulären Aktionen am Golf endlich befreien wollen. Der Widerstand gegen diesen verbrecherischen Krieg hat amerikanische und europäische Kriegssgegner zusammengeführt und für uns in Deutschland Solidarität mit dem besseren Amerika bedeutet. Durch die nachträglichen Berichte und Bewertungen des damaligen amerikanischen Verteidigungsministers Robert MacNamara ist noch einmal gezeigt worden, daß zehntausende amerikanischer Soldaten und mehr als drei Millionen Vietnamesen in diesem Krieg vollkommen sinnlos gestorben sind. Abgesehen von einigen unteren Chargen ist niemand der Verantwortlichen je vor einem internationalen Gericht für die barbarische Kriegführung zur Verantwortung zur Verantwortung gezogen worden. Die zur Gewohnheit gewordenen Straflosigkeit der Supermacht hat die amerikanischen Militärs zweifellos ermutigt, auch in den Irakkriegen Waffen wie Streubomben und Munition mit angereichertem Uran bedenkenlos einzusetzen.

Die Erinnerung an den Vietnamkrieg führt uns wieder zur Frankfurter Schule und zur damaligen Rolle ihrer Leitfiguren, Popularisatoren und Anhänger zurück. Wenn heute in Deutschland die fehlende Dankbarkeit gegenüber den USA beklagt wird, die wegen ihrer Rolle bei der Befreiung vom Naziregime und beim Fall der Mauer unsere volle und uneingeschränkte Solidarität verdient haben sollen, so ist eine solche Argumentation nicht neu. In den 60er Jahren konnten sich in Westdeutschland und Westberlin viele linksstehende Intelektuelle zuerst einmal nicht dazu entschließen, die bekanntgewordenen US-Kriegsverbrechen öffentlich zu verurteilen. Ich habe diese Zeit in Westberlin erlebt: Bei den Einwohnern dieser seit 1961 eingemauerten Stadt war die Erinnerung an die westallierte Luftbrücke gegen die sowjetische Bockade von 1948 noch lebendig, und die Freie Universität Berlin verdankte ihre Existenz bekanntlich amerikanischer Unterstützung in einer Zeit beginnender stalinistischer Repression im Ostteil Berlins. Nicht nur bornierten Antikommunisten erschien lauter Protest gegen den Vietnamkrieg fehl am Platze. Dem SDS wurde auch von vielen seiner akademischen Freunde und Förderer entgegengehalten, daß Angehörige eines Volkes, das sich nicht aus eigener Kraft vom Faschismus befreit hat, moralisch nicht dazu berechtigt waren, amerikanische Streikräfte wegen ihrer Kriegsverbrechen in einem fernen asiatischen Land anzuklagen.

Die Auseinandersetzung um den Vietnamkrieg ließ auch die Frankfurter Schule nicht unberührt. Es entstand eine tiefe Kluft zwischen den aus der Emigration zurückgekehrten Begründern der Kritischen Theorie, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, und vielen gerade der besten und eigenständigsten ihrer Studenten an der Frankfurter Universität, die sich an den alten Schriften ihrer Lehrer aus den 30er Jahren orientieren wollten. Es kam aber auch zu einem schwer zu verbergenden Zerwürfnis unter den früheren Freunden der älteren Generation: Herbert Marcuse, der in den USA geblieben war, wurde zu einem scharfen Kritiker der Politik der US-Regierung und zum Mentor der amerikanischen wie der deutschen Studentenbewegung. Damals wie heute zeigte es sich, daß der theoretische Ansatz der Kritischen Theorie, der die Marxsche Lehre für die Zeit der ausgebliebenen proletarischen Revolution weiterentwickeln möchte, durchaus gegensätzliche politische Konsequenzen zuläßt. Dies möchte ich zunächst schildern, um dann die Frage zu stellen, wo möglicherweise die Gründe für solche Differenzen und Unvereinbarkeiten zu finden sind.

Die beiden gegensätzlichen Pole in der Diskussion vertraten Ende der 60er Jahre sicherlich Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Max Horkheimer hat sich nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil und der Wiederbegründung der "Frankfurter Schule" an ihrem Ursprungsort immer von einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Vereingten Staaten leiten lassen, die den vom Faschismus vertriebenen jüdischen Emigranten lebensrettende Zuflucht und manchmal auch neue Wirkungsmöglichkeiten gewährt hatte. Diese Dankbarkeit mußte sich nach seiner Auffassung gerade in einem Moment bewähren, als die USA von aller Welt angegriffen wurde. In einer vielbeachteten Rede, die den Konflikt mit dem Frankfurter SDS, aber auch mit dem alten Freund Herbert Marcuse zum Höhepunkt führte, sprach Horkheimer am 7. Mai 1967 im Amerikahaus Frankfurt. Zwar gebe es über das Grauenvolle in Vietnam keinen Zweifel, aber wer über Vietnam rede, solle wenigstens

"daran denken, daß wir hier nicht zusammen wären und frei reden könnten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte und Deutschland und Europa vor dem furchtbarsten totalitären Terror schließlich gerettet hätte."

(Wolfgang Kraushaar (Hg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung Bd.2, Frankfurt 1998, S.229).

Zuvor, schon 1966, hatte er sich eine nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Rechtfertigung für die amerikanische Intervention zurechtgelegt, die Friedrich Pollock in einer Gesprächsnotiz festgehalten hat:

"Die Lage Amerikas in Südvietnam ist ein großes Unglück. Wir haben zu wenig Informationen, um beurteilen zu können, was für die Erhaltung der Reste individueller Freiheit in den westlichen Ländern besser wäre: weitermachen wie bisher und auf die Zermürbung des Gegners hoffen? Eskalieren? Sich zurückziehen? Aber mit einiger Sicherheit läßt sich sagen, daß der Rückzug nicht bloß ein fürchterliches Blutbad in Südvietnam bedeuten, sondern auch den Weg der Chinesen zum Rhein wesentlich beschleunigen würde.

Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Kriegs, die scorched earth policy der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft."

(Kraushaar a.a.O, S. 204)

Der Briefwechsel weist aus, daß Theodor Adorno seinen Freund Max unterstützte, wenn sich auch seine Argumentation weniger auf die Angst vor kommunistischer Weltherrschaft bezieht als vielmehr auf eine Zurückweisung des Ansinnens der linken Studenten, Theorie müsse unmittelbar in Praxis umgesetzt werden. Er wendet sich gegen diejenigen, die die Einheit der Praxis mit einer nicht vorhandenen Theorie so verstehen, daß sie einen puren begriffslosen Praktizismus betreiben - indem sie etwa mit einer Warenhausbrandstiftung versuchen, in Europa vietnamesische Zustände zu schaffen, um die Aufmerksamkeit auf Vietnam zu lenken (Kraushaar a.a.O. S.233). Darin ist er sich einig mit Marcuse Freund Horkheimer, der im Mai 1967 in einer Gesprächsnotiz weitverbreiteten Anti-Amerikanismus feststellt, den er sofort mit Antisemitismus in Verbindung bringt:

"Grotesk ist die Verwirrung unter den linken Studenten. Die Einheit von Theorie und Praxis, die sie früher gefordert haben, wird zu einer kruden anti-amerikanischen Praxis, ohne daß eine echte Theorie dahinterstände." (Kaushaar a.a.O. S.228)

Der Gegenspieler, dem beide die Begünstigung solcher Tendenzen vorwerfen, ist Herbert Marcuse. Der weiß nicht, daß beide in ihrem Briefwechsel sehr negativ über ihn urteilen, und versucht, den alten Freund und Förderer Horkheimer in einem schonungslos klaren Brief von seinem Standpunkt zu überzeugen:

"Laß mich meine Meinung so extrem wie möglich aussprechen: Ich sehe in Amerika heute den historischen Erben des Faschismus. Die Tatsache, daß die Konzentrationslager, die Morde, die Folterungen außerhalb der Metropole stattfinden (und meist Schergen anderer Nationalität überlassen werden) ändert nichts am Wesen. Was in Vietnam geschieht, sind Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschheit. Die "andere Seite" begegnet Terror mit Terror, aber sie hat weder Napalm, noch "fragmentation bombs", noch "saturation raids". Und sie verteidigt ihr armseliges, mit entsetzlicher Mühe und mit schweren Opfern etwas menschlicher gewordenes Leben, das die westlichen Machthaber mit der ganzen brutal-leistungsfähigen technischen Perfektion der westlichen Zivilisation systematisch aushungern, verbrennen, vernichten."

(Kraushaar, a.a.O., S. 262)

Zwischen den Positionen Herbert Marcuses und denen seiner alten Freunde in Frankfurt gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Brücke, nicht einmal eine gemeinsame Sprache. Und wieder stellt sich die Frage, wie eine Kritische Theorie, die von ihren Begründern in ihren Grundzügen doch gemeinsam erarbeitet worden ist, in einer so gewichtigen Frage wie der nach der Rolle der USA und der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt vollkommen entgegengesetzte Überzeugungen hervorbringt. Erklärungen bieten sich auf unterschiedlichen Ebenen an: hier wollen wir sie erst einmal in den Biographien der Protagonisten suchen, dann aber auch prüfen, ob nicht vielleicht die Theorie selbst so beschaffen ist, daß sie unterschiedliche Auslegungen und Schlußfolgerungen ermöglicht.

Große Denker denken über ihre Zeit hinaus - und bleiben doch ihrer Zeit verhaftet. Auch Marx war da keine Ausnahme: seine Lehre, die in ihren Grundzügen so aktuell geblieben ist, daß sie gegenwärtig von Globalisierungskritikern staunend wiederentdeckt und in Anspruch genommen wird,

war doch zugleich ein Erzeugnis des 19. Jahrhunderts, und die sogenannten "Klassiker" teilten selbstverständlich viele der Vorurteile und Beschränktheiten ihrer Zeitgenossen. So sind Marx und Engels ein beliebtes Ziel durchaus zutreffender feministischer Kritik, und man kann ihnen auch sonst alle möglichen Vorurteile nachweisen, bis hin zu antisemitischen Ausfällen. In unserem Zusammenhang denke ich an die von Marx und Engels geäußerte Verachtung für die sogenannten geschichtslosen Völker, in der sich der Hochmut der Teilhaber und Nutznießer weltgeschichtlich bedeutsamer "Entwicklung" wiederspiegelt. Hier finden sich bei den "Klassikern" Motive, die sie, wenn man böswillig ist, geradezu als Vorläufer derer erscheinen lassen, die heute das Land einer der ältesten Hochkulturen dieser Welt nach ihrem Muster kolonisieren und demokratisieren wolle, beginnend damit, daß sie die Zerstörung der Zeugnisse einer großen Vergangenheit, ja der Menschheitsgeschichte, frevelhaft zulassen.

Beim späten Horkheimer, dies zeigten die hier mitgeteilten erschreckenden Zitate, findet sich sogar eine Furcht vor der gelben Gefahr, die im deutschen Besitzbürgertum vor dem 1. Weltkrieg sehr verbreitet war, und daraus begründet sich seine Zustimmung zu barbarischen Aktionen, die den Einbruch der Barbarei abwenden sollen. Und es bedarf keines Scharfsinns, um in der Biographie des Begründers der Kritischen Theorie auch die Gründe dafür zu sehen, daß Ablehnung der Politik von Johnson und Nixon mit Anti-Amerikanismus und dieser wiederum ebenso rasch mit Antisemitismus gleichgesetzt wird.

Aber unabhängig von solchen leicht zu denunzierenden Verirrungen der unerreichten Vordenker einer kritischen Gesellschafswissenschaft sind vielleicht in der Lehre von Marx und in der sie weiterführenden Kritischen Theorie selbst schon blinde Flecke vorhanden, die widersprüchliche Auslegungen verständlich machen. Es ist ja eine Binsenweiseheit, daß das "Kapital" keine Darlegung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Englands ist, obwohl das Material der drei Bände sich vorwiegend auf die britischen Verhältnisse bezieht - wenn die Marxsche Theorie nicht die allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitals zum Gegenstand hätte, ließe sich ihre Aktualität in unserem Jahrhundert kaum erklären. Aber das damals am meisten entwickelte kapitalistische Land sollte nach einem bekannten Marx-Wort den weniger entwickelten ihre Zukunft zeigen - womit ein Programm nachholender Entwicklung nach englischem Vorbild vorgezeichnet war, das Revolutionäre in relativ unterentwickelten Ländern zumindest irritieren mußte. Deshalb die große Bedeutung des Briefs von Marx an die russische Revolutionärin Vera Sassulitsch, in dem Marx darlegt, daß er die historische Unvermeidlichkeit einer kapitalistischen Entwicklung nach englischem Vorbild auf Westeuropa beschränkt - und daß er die noch nicht zerstörte Dorfgemeinschaft für einen Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands hält. Hier ist sich Marx der Gefahr einer auf England eingeschränkten Sicht und damit des heute gern angeprangerten "Eurozentrismus" durchaus bewußt.

In der Kritischen Theorie finden sich nach meinem Eindruck ähnliche Merkmale eines "Eurozentrismus" - aber vielleicht auch Ansätze zu seiner Überwindung. An die Stelle Englands sind im 20. Jahrhundert zunehmend die Vereinigten Staaten als das exemplarische kapitalistisches Land getreten, und das durch die Naziherrschaft erzwungene Exil der Begründer der Frankfurter Schule hat die Kritische Theorie ohne Zweifel in vielfacher Hinsicht geprägt, vor allem in ihrer Hinwendung zur soziologischen und sozialpsychologischen Analyse der am weitesten entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, in enger Berührung mit der in der empirischen Sozialforschung in ihrem Gastland. Bei aller Bedeutung einer Gesellschaftstheorie, die sich etwa in der Analyse des autoritären Charakters oder der Kulutrindustrie bewährte, trat dabei die Analyse ökonomischer Zusammenhänge im Weltmaßstab zunehmend in den Hintergrund.

Deshalb lag der Kontroverse zwischen Marcuse und Horkheimer in den späten 60er Jahren auch ein unterschiedliches Verständnis dessen zugrunde, was Kritische Theorie zu leisten hatte. Im bereits zitierten Brief vom 17.6.67 schreibt Herbert Marcuse an seinen Freund Max:

"Du schreibst, daß Du Dich für Deine Ansichten über Vietnam nicht auf die Wissenschaft berufen kannst. Wenn "Wissenschaft" kritische Theorie meint, kann ich mit Deiner Zurückhaltung nicht übereinstimmen. Gewiß ist der Vietnam-Krieg nicht im Rahmen der klassischen Imperialismus-Theorie zu verstehen, sehr wohl aber im Rahmen einer entwickelten Imperialismus-Theorie. Die Regierenden hier haben selbst oft genug erklärt, daß Südostasien im Feld der globalen amerikanischen Interessen-Expansion eine ökonomische und strategische Schlüsselrolle einnimmt..."

Die Kritische Theorie, auf die sich Herbert Marcuse hier bezieht, ist die ihrer Anfangsperiode, als die Kritik der politischen Ökonomie (in Gestalt der damals entwickelten Imperialismus-Theorien) in ihren Horizont einbezogen waren. Im zurückgekehrten Institut ist diese Tradition nicht wieder aufgelebt. In einer neueren Arbeit zur Einführung in die Kritische Theorie wird dies meines Erachtens zutreffend als Verselbständigung der Kultur- gegen die Ökonomiekritik charakterisiert:

"Es ging zumeist um Kultur, Erziehung, Triebstruktur, Vergangengheitsbewältigung in der antagonistischen Gesellschaft, aber nicht mehr um die konkrete Bewegung des ökonomischen Antagonismus selbst: internationale Kapitalver- und entflechtung, technische Entwicklung, globale Verschiebung im Verhältnis von Klassen und Schichten, arm und reich etc. Für Vorgänge dieser Art schliffen sich Formeln wie "das" Bestehende, "das" falsche Ganze, "der" Betrieb, "die" verwaltete Welt ein..."

"Daß Horkheimer, Adorno, Marcuse oder Löwenthal selbst nie ökonomische Arbeiten verfaßt haben, ist ihnen nicht anzulasten. Die Kraft eines Individuums ist begrenzt; nicht jeder kann alles. Aber daß man die Rückbindung der eigenen Studien an ökonomische nicht mehr zu organisieren suchte,......-das macht das zunehmende ökonomische Defizit kritischer Theorie aus. Es dauert bis heute an."

(Christoph Türcke/Gerhard Bolte, Einführung in die Kritische Theorie, Darmstadt 1994, S.73).

Das beschriebene ökonomische Defizit bedeutet aber auch, daß die Erforschung der Ursachen von Ungleichheit und Ausbeutung im Weltmaßstab nicht zu den vorrangigen Aufgaben der Kritischen Theorie gehört. Der blinde Fleck ist der Verzicht auf eine zeitgenössischen Imperialismustheorie. So kann der Fehlschluß entstehen, den unterentwickelten Ländern sei es vorgezeichnet, dem Vorbild des fortgeschrittensten Landes nachzueifern - sich zu amerikanisieren. Dies käme der Entschlossenheit der gegenwärtigen US-Regierung zupaß, die Segnungen des US-amerikanischen Systems überallhin auszubreiten, unter dem Vorwand, auf diesem Wege dem Terrorismus das Wasser abzugraben.

Dennoch gibt es in der Kritischen Theorie Reflexionen, die eurozentrischen Konzepten entgegenwirken. Gerade die Fortschrittskritik Theodor W. Adornos bringt Alternativen zur vollständigen Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse bis in den letzten Winkel des Erdballs in den Blick. Einem platten Fortschrittsglauben setzt Adorno in einem Brief an Horkheimer aus dem Jahr 1957 folgendes entgegen:

"In allen Bewegungen, welche die Welt verändern möchten, ist immer etwas Altertümliches, Zurückgebliebenes, Anachronistisches. Das Maß dessen, was ersehnt wird, ist immer bis zu einem gewissen Grade Glück, das durch den Fortschritt der Geschichte verloren gegangen ist. Wer sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet, ist immer auch ganz angepaßt, und will es darum nicht anders haben. Durch dies anachronistische Element ist aber zugleich auch der Versuch der Veränderung selber, eben weil er hinter den Verhältnissen um ebenso viel zurück wie ihnen voraus ist, immer auch aufs schwerste gefährdet, und setzt sich bei denen, die es am wenigsten nötig haben, dem Vorwurf aus, reaktionär zu sein."

(Adorno an Horkheimer 5.4.57, zitiert bei Alex Demirovic, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt 1999, S.704).

In der verschlüsselten Sprache Adornos wird hier eine Einsicht dargelegt, die ich bei meinem Versuch, soziale Bewegungen im gegenwärtigen Lateinamerika zu verstehen, sehr erleuchtend fand. Als Reaktion auf die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen relativ hochentwickelter Länder wie Argentinien, die zum Opfer neoliberaler Politik geworden sind, entstehen Einrichtungen und Organisationsformen, die wir aus den Frühzeiten der Arbeiterbewegung, ja aus dem utopischen Sozialismus kennen: Tauschbörsen ohne Geld, von ihren Arbeitern genossenschaftlich selbstverwaltete Betriebe, handwerkliche Fertigung von Produkten für den unmittelbaren Konsumenten im Stadtviertel. Im Brasilien Lulas ist ein Sekretariat für solidarische Ökonomie geschaffen worden, das solche Formen des Wirtschaftens fördern soll. Und die Bewegung der Cocabauern in Bolivien entwickelt Vorstellungen einer wirtschaftlichen Neuorndung, in deren Mittelpunkt die traditionelle Cocapflanze und das Wiedererstehen autozentrierter Dorfgemeinschaften steht.

Eine Linke auf der Höhe ihrer Zeit muß solche unzeitgemäßen Elemente einer besseren Gesellschaft kennen und interpretieren, wenn sie nach den Zielen ihrer Globalisierungskritik gefragt wird. Und überraschenderweise kann ihr dabei eine Kritische Theorie helfen, der man nicht vorschnell das Etikett "Eurozentrismus" anheften sollte.

Noch ein notwendiges Nachwort, um Mißverständnisse zu vermeiden. Wenn hier von Vietnam und den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt die Rede war, dann ging es um die Kontinuität der US-Politik, nicht um eine Gleichsetzung von Ho Chi Min und Saddam Hussein. Daß ein in der Vergangenheit von den USA geförderter Diktator nun zum Opfer US-amerikanischer Aggression wird, macht ihn nicht zu einem Vorkämpfer der Dritten Welt. Aber die amerikanische Politik weist eine unheilvolle Kontinuität auf: der Militärschlag gegen den Irak hat etwas Exemplarisches, er soll die Vietnamniederlage vergessen machen und den Anspruch der verbliebenen Supermacht auf die Weltherrschaft unabweisbar machen. Das direkte Besatzungsregime im Irak ist eine gesuchte und gewollte Demütigung eines Landes der Dritten Welt, es soll auch die Machtlosigkeit der Vereinten Nationen demonstrieren. Es gibt leider auch in Europa Intellektuelle, die diese neue Weltordn ung begrüßen. Die anderen sind leider arbeitslos geworden: sie müssen nicht wie in der Vergangenheit in mühseligen Recherchen nachweisen, daß die US-amerikanische Politik imperialistisch ist, die Bush-Regierung bekennt sich ganz offen zu ihren Absichten. Merkwürdig, daß gerade in diesen Zeiten das Wort "Imperialismus" so sehr aus der Mode gekommen ist.


Universidad Complutense de Madrid | Theoria: Proyecto Crítico de Ciencias Sociales | E-mail: marxismo@theoria.org

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