Materialismo Histórico y Teoría Crítica
TÍTULO PROPIO DE LA UNIVERSIDAD COMPLUTENSE - MADRID

    materiales | 20.Abril.2003

Über Friedensentwürfe im Denken: Kant, Marx und die Frankfurter Schule |
Oskar Negt, Universität Hannover (*)

Meine Damen und Herren,

ich habe, wie Sie sich vorstellen können, nachdem ich die Nachricht bekommen hatte, dass der Krieg, der ja in der Kausalität dieser amerikanischen Regierung seit langer Zeit lag, tatsächlich in Gang gesetzt ist, meine Rede umgestellt, um nicht so sehr die konventionellen Gesichtspunkte zum Tragen zu bringen, die für die Frankfurter Schule wichtig wären, sondern mein Nachdenken zu konzentrieren auf die aktuelle Hauptfrage: Was ist Frieden und was kann Denken zur Friedenssicherung beitragen? Wo ist Philosophie zur Friedenssicherung verpflichtet? Was sind philosophische Entwürfe, welche die Bedingungen dafür benennen, dass so etwas wie ein langfristiger Friede innergesellschaftlich, also im Innern der sozialen Lebensverhältnisse, aber auch zwischen den einzelnen Gesellschaftsordnungen möglich ist?

Denn es geht hier ja darum, dass Ideologien im Schwange sind, von den vorherrschenden Gewalten oder von imperialen, neoimperialen Mächten, dass sie den Krieg nur führen, um einen langfristigen Frieden zu sichern. Es ist, glaube ich, sehr wichtig zu sehen, dass das möglicherweise eine ganz katastrophale Täuschung, ja ein Betrug an dem ist, was eben doch sehr viele Menschen im Untergrund ihrer Gefühle empfinden, dass ein langfristiger Friede durch einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nicht zustande kommen kann. Wenn Sie sich einmal die Literatur, die ich kenne, aus dem amerikanisch-deutschen Sprachraum ansehen, dann finden Sie in den letzten fünf Jahren
einen gewaltigen Produktionsüberhang mit der Fragestellung: „Neuordnung der Welt". Es ist nicht so neu, was George W. Bush im Schilde führt. Brzezinski, alle Berater aus der Reagan-Ära und des Präsidenten-Vaters dieses übereifrigen Sohnes, Leute z.B. um Perle und Rumsfeld, sind schon in den achtziger Jahren beteiligt gewesen an Ratschlägen für den amerikanischen Präsidenten, für Neuordnungen der Welt nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums Sorge zu tragen; sie dachten zunächst vom Rand her, also geopolitisch. Die Ränder, Minderheiten sind für Brzezinski die entscheidenden Rebellions-Posten in den jeweiligen Ländern, um Regierungswechsel zustande zu bringen. Die Neuverteilung der Welt ist das Programm dieser modernen Geopolitiker, mit einem neuen Nomos der Erde, so wie Carl Schmitt das genannt hat, also strategisch auf Vorherrschaft gerichtete Land- und Seenahmen liegen diesem gegenwärtigen Regierungsprogramm der einzigen Macht, die als Weltmacht übriggeblieben ist, zugrunde, und wir haben Anlaß, heute darüber nachzudenken: was ist der Friede, der hier versprochen wird und kann man sich den vorstellen, wie er unter solchen imperialen Ausgangsbedingungen zu sichern ist?

Ich will aber nicht ganz von meinem Thema, der Kritischen Theorie und ihrem Verhältnis zu Kant und Marx, abweichen. Ich stelle die Frage: Was sind denn eigentlich Friedenskonzeptionen in der bisherigen Philosophie, von denen man sagen kann, dass sie langfristig vielleicht haltbarer sind, als Friedensankündigungen, die einen Gewaltakt zur Grundlage haben? Ich glaube, dass wir neu darüber nachdenken müssen, was diese Pax americana im Auge hat, im übrigen gar nicht so unähnlich dem Untergang der römischen Republik, mit der dann eintretenden Pax romana. Viele Analogien lassen sich auffinden zu jener Zeit, die Cicero besorgt „res publica amissa" nennt, eine in Vergessenheit geratene, vernachlässigte Republik. Die Entmachtung des Senats in der Zeit der Feldherren-Siege Caesars und Pompeius´. Sie erleben die Entmachtung aller Parlamente gegenwärtig. Zum ersten Mal ist ein Krieg in

Amerika geführt worden, praktisch ohne Kongressopposition. Das hat viele Gründe. Über die kann ich hier nicht weiter reden. Aber es sind gefährliche Phantasiespiele einer imperialen Neuordnung der Welt im Gange, bei der in der Tat eine ganze Reihe von Ländern, auch sonst verläßliche Verbündete, nur noch als Störenfriede betrachtet werden, wie Deutschland, wie Frankreich; diejenigen Länder in Europa, die glauben davon profitieren zu können, sich im letzten Augenblick noch auf dieses Kriegsboot zu begeben, werden das langfristig zu ihrem Nachteil getan haben. Dass Aznar und Polen und Bulgarien und diese Länder sich auf das amerikanische Schiff begeben, wird für sie nur Nachteile haben im europäischen Integrationsprozess.

Kant und Marx: das sind zentrale Themen in Bezug auf die Frankfurter Schule. Ich bin in der Tat der Auffassung, dass das Eckpunkte der Kritischen Theorie sind, bis zum Ende des Lebens von Horkheimer und Adorno geblieben sind. Ich weiss, dass Adorno noch kurz vor seinem Tode Marx-Veranstaltungen gemacht hat. Wenn es Frankfurter Epigonen gibt, die sagen, er sei immer religiöser geworden am Ende oder habe metaphysische Wege beschritten, dann kann ich das nicht bestätigen. Die Analysen von Marx, vor allem im Zusammenhang des Warenfetisch, waren so bestimmend für die Kulturkritik von Adorno, dass er daran nie Zweifel hat aufkommen lassen. Dass die kritische Zugangsweise zur Kultur für Adorno entscheidend von Marx geprägt war, scheint mir nicht weniger strittig zu sein wie das Gewicht des Kantischen Denkens. Wenn Sie z.B. die im Nachlass herausgegebenen späten Vorlesungen zur Moralphilosophie zur Hand nehmen, ich habe mir das noch einmal angesehen, haben Sie eine Verteidigungshaltung im Sinne Kants, übrigens gerade in den Punkten, wo der moralische Rigorismus von Kant aufgeweicht werden soll durch ausgleichende Transformation von Moral in Ethiken. Adorno zeigt, dass hier eine Aufweichung jenes Kantischen Anspruchs geprobt wird, Moralität als eine Begründungslogik von Handeln zu betrachten, die sich auf die Friedenssicherung eines Gemeinwesens bezieht. Ich werde darauf noch im einzelnen eingehen.

Ich wollte hier zu Beginn nur festhalten, dass ich das, was ich in meiner akademischen Abschiedsvorlesung im letzten Juli vorgetragen habe, zum Thema: „Kant und Marx. Ein Epochengespräch", dass das für die Frankfurter Schule oder, was das Gleiche bedeutet, für die Kritische Theorie nicht marginale Theoriestücke sind, auf die notfalls auch zu verzichten ist, sondern, wenn man so will, die Eckpfeiler dieser Denkweise, die wir mit der Frankfurter Schule verbinden. Ich will das jetzt einmal philosophisch systematisch übersetzen, was damit gemeint ist. Damit ist gemeint, dass ein zentrales Problem für die moderne, der metaphysisch-idealistischen und kosmologischen Verankerung beraubten Gesellschaft die Dialektik zwischen Genesis und Geltung ist. Mit Genesis ist gemeint jener Punkt der Analyse, der die gesellschaftlich-historischen Bedingungen eines Wahrheitsgehalts untersucht und feststellt, worin der bedingende Zeitkern eines Wahrheitsanspruches ist, warum Menschen so denken wie sie denken. Was gesellschaftlichen und psychologischen Gründen zugänglich ist, bezeichnet seine Wirklichkeitsdimension, auf die der erkenntnistheoretische Begriff der Genesis verweist. Der Begriff wird im übrigen von Adorno selbst in der Metakritik der Erkenntnistheorie benutzt, wo er sich mit den Husserlschen Antinomien auseinandersetzt. Diese Dialektik von Genesis und Geltung, und das ist jetzt keine unzulässige Transposition meiner Auffassung in die Kritische Theorie., ist das Bewegungszentrum der Philosophie Adornos.

Aber die Frage: Quid facti betrifft nur die eine Seite des Wahrheitsgehalts unserer Erkenntnis. Die zweite Frage: Quid juris? Ist demgegenüber nicht von geringerem Rang. Was gilt etwas, unabhängig davon, woher es kommt, wozu es dient; was ist der Geltungsgrund unserer Moral und unserer Legalität, unserer Rechtsverhältnisse? Wenn Sie jetzt nach Theorien suchen, in denen entweder der Geltungscharakter oder der Genesischarakter der Erkenntnisgehalte bewegendes Zentrum ist, dann müssen Sie zwangsläufig auf Kant und Marx stoßen. Niemand hat sich so intensiv damit beschäftigt, was Wirklichkeit ist, was die Bewegungsgesetze des materiellen Lebenszusammenhangs ausmacht, wie Marx, obwohl selber in der Tradition des deutschen Idealismus gebildet, hat er die Wirkungsmacht der Ideen in Frage gestellt (nicht verachtet!), um irgendwo aufzufinden, wo der eigentliche Hebel des Bestehenden und der Veränderung sitzt. Das Kapital als die alles beherrschende Macht der modernen Welt kommt dabei heraus, aber auch das Proletariat als Gegenmacht. Die Kritik der politischen Ökonomie, als die Fundamentalkritik dieser Wirklichkeit, verdankt sich der Wirklichkeitsbesessenheit von Marx. Und er hat sich zu Tode gearbeitet am „Kapital"; es ist Fragment geblieben. Aber er hat durch diesen objektivistischen Blick auch die normative Kraft der Moral und des Gerechtigkeitssinns unterschätzt. In seiner Schrift „Zur Judenfrage", erklärt er, er könne sich den emanzipatorischen Sinn der Bürgerrechte gut vorstellen, was aber Menschenrechte sind, das ist nichts weiter als das enthüllte Geheimnis des Privateigentümers, des räuberischen Egoismus. Das ist falsch! Es ist eine Bewertung der Wirklichkeitsschicht moralischer Verhaltensweisen und sittlicher Handlungsweisen, die bei Marx in dieser Weise nicht entfaltet ist. Das hat der frühe Horkheimer und später Adorno immer wieder betont. Es fehlt bei Marx so etwas wie eine eigene Logik der menschlichen Handlungen, die einen inneren Begründungspunkt haben, der nicht in Interessen, also nicht in der Kausalität der Verhältnisse aufgeht. Eine emanzipatorische Handlungstheorie, die vielleicht auch über die alte Frankfurter Schule hinaus reicht?!

Niemand in der Geschichte der modernen Philosophie hat sich so intensiv mit dem Problem beschäftigt: Was soll ich tun? wie Kant. Es ist darin der eigentliche Antipode und gleichzeitig „Bruder im Geiste". Viele Untersuchungen bei Kant beziehen sich auf naturwissenschaftliche Gegenstände und er ist ein bekannter und allseits geachteter Philosoph, schon bevor die „Kritik der reinen Vernunft" (1781) und die „Kritik der praktischen Vernunft" (7 Jahre später) erscheinen. Das ist gar keine Frage. Aber er selber betrachtet die Probleme der praktischen Vernunft als das, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Deshalb sagt er: Würde hat keinen Preis. Nur der Mensch hat Würde, alles andere hat einen Preis, alles ist äquivalent, alles ist umsetzbar in Tausch, nur der Mensch hat Würde und deshalb keinen Preis. Ich werde das noch im einzelnen ausführen, was das für gesellschaftliche Friedenssicherungen bedeutet. Ich möchte den aktuellen Anlaß des Kriegsbeginns aufnehmen, um zu zeigen, wie stark Friedenspolitik diese drei für die moderne Geschichte einzigartigen Denkgebäude, Frankfurter Schule, Marx und Kant, bestimmt.

Das zentrale Arbeitsprogramm der Frankfurter Schule besteht in der Dialektik von Sein und Sollen, auch Sollen; nicht nur Sein. Das entspricht der erkenntnistheoretischen Dimension des unaufhebbaren Spannungsver-hältnisses von Genesis und Geltung. Nicht nur, wie die Verhältnisse sind, ist erkenntnisleitendes Interesse. Es gibt einen berühmten Satz von Adorno, der besagt: wer nicht weiss, was über die Verhältnisse hinausweist, weiss auch nicht, was sie sind. Nur der, der etwas anderes denken kann, als das, was ist, begreift auch das, was vorliegt, das factum brutum. Das ist die Hauptkritik am Positivismus, an positivistischen Halbierung der Vernunft (wie Habermas das genannt hat), in denen geglaubt wird, je enger man an den Tatsachen ist, desto besser würde man die Wirklichkeit begreifen. Das ist ein Irrtum. Wir können diesen Irrtum tausendfach auch in unserem Alltagsleben feststellen. Häufig ist der Realitätsgehalt der Tendenzen größer als der von Tatsachen. Das bewußt zu machen, ist ein wesentliches Element der lebendigen Dialektik, auf der diese Denkweise der Frankfurter Schule beruht. Wer von den zahlreicher sich meldenden Epigonen dieses ursprünglich weit geöffneten Schul-Gebäudes meint, man könnte aus der Kritischen Theorie mit leichtem Handgriff die Dialektik herausnehmen, weil das Denken in dialektischem Widerspruch vielleicht zu kompliziert ist oder diese Denkweise durch den Zusammenbruch des Sowjetmarxismus doch ohnehin diskreditiert ist, der sollte über diese Denk-Schule überhaupt nicht reden, vielmehr schweigen. Dieses zentrale Denkprinzip ist für Adorno und Horkheimer nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil die Störungen in der Balancearbeit zwischen Sein und Sollen nur im Geiste dialektischer Zugangsweisen zu begreifen sind. Und Störungen in diesem Wirklichkeitszusammenhang sind, was sie für Kants Zeit nicht war, wesentliche Elemente des gegenwärtigen Unglücks. Ich meine den totalen Überhang des Seins gegenüber der Unbedingheit des Sollens und die Erfahrungen ihrer Ohnmacht.

Es gibt drei Grundfragen bei Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Die erste Frage ist ganz zweifellos heute ziemlich einfach zu beantworten. Ich kann unendlich viel wissen, nicht nur von Bereichen der genetischen Struktur des Menschen, auch der äußeren Natur, dem „Weltall". Das Wissen im sinne wissenschaftlicher und damit technisch umsetzbarer Erkenntnisse hat heute einen geschichtlich beispiellosen Stand erreicht, so dass die zweite entscheidende Frage, nämlich: was soll ich tun? obwohl ich viel weiss, noch nicht beantwortet ist. Sie ist vielmehr zur lebenswichtigen Problemfrage unseres Weltzustandes geworden. Und was darf ich hoffen?, diese dritte der philosophischen Grundfragen berührt den Gesichtspunkt urmenschlicher Bedürfnisse nach ewigem Leben, nach Unsterblichkeit der Seele, Hoffnungen, die praktisch für Kant nur dann einlösbar sind, wenn ich auf ein würdiges Leben zurückblicken darf. Um so mehr darf ich hoffen, je würdiger ich mein Leben gestalte.

Lassen Sie mich auf die Friedensfrage zu sprechen kommen, die sich auf diesen philosophischen Zusammenhang bezieht. Es ist eine merkwürdige Entwicklung, dass Kant und Marx ganz verschiedene Friedenskonzeptionen haben, aber vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Marx würde sagen, der innergesellschaftliche Friedenszustand ist dann gesichert, wenn die Menschen mit der Möglichkeit ausgestattet sind, durch ihre Arbeit und durch ein System befriedigender, d.h. nicht-entfremdeter Arbeit in den Produkten, die sie erzeugen, sich wiederzuerkennen. Dass durch mein Ich, durch lebendige Arbeit ein Stück Objektivierung in die Welt kommt, das macht die Welt reicher und auch das Subjekt; und er meint sehr wohl, dass eine friedenssichernde Gesellschaft im Grunde nur eine ist, in der es Verteilungsgerechtigkeit gibt. Der Friedenszustand einer Arbeitsgesellschaft ist die Grundlage für den innergesellschaftlichen Frieden insgesamt.

Christa Wolff hat in ihrem großartigen Buch über die Kassandra-Legende einmal gesagt: Wo Krieg beginnt, das wissen wir. Ja, sie hat Recht: das wissen wir jetzt, seit heute früh ist Krieg, aber wo beginnt der Vorkrieg? Fragt Christa Wolff weiter! Wo beginnen Gesellschaftsordnungen, Wirtschafts- und Politikerköpfe, auf den Krieg hinzuarbeiten, selbst wenn sie das bestreiten oder sogar nicht direkt wollen? Auch wenn die Entscheidungsträger das abwehren, was jeder normale Bürger schon an der Atmosphäre spürt, gibt es Bedingungen dafür, dass in einer Gesellschaft Krieg entsteht und Konflikte mit gewaltlosen Mitteln nicht mehr lösbar sind? Marx würde sagen: Klassenkampf, dass die Menschen unter Bedingungen existieren, die ein Leben in Würde ausschließen, das ist doch ein innergesellschaftlicher Kriegsgrund. Deshalb formuliert er den Kategorischen Imperativ Kants um und sagt: es ist Pflicht, alle Verhältnisse umzuwerfen, unter denen die Menschen ein verlassenes Wesen sind, ein entwürdigtes Wesen, ein geknechtetes Wesen, also die Bedingungen dafür herzustellen, dass sie würdig leben können, ist ein wesentliches Element der Bekämpfung des Vorkrieges, nämlich jenes Zustandes, der am Ende in den großen Krieg fast zwangsläufig hineinführt.

In den letzten zehn Jahren hat sich in den Vereinigten Staaten eine solche dramatische Erosion von Lebensverhältnissen vollzogen, wie nie zuvor in einem kurzen Jahrzehnt. Die New York Times macht eine Serie: The downsizing America. Die schrittweise Abstufung des Lebenszuschnitts der Menschen. Die Aktienkurse sinken, die Firmen gehen ein und ruinieren die sozialen Sicherungssysteme der Mitarbeiter, die an Firmenaktien gekoppelt sind. Es ist ein sozialer Kriegszustand in den Vereinigten Staaten im Augenblick, so dass in der Tat die Gesellschaft auseinanderzuspringen droht und das ist eigentlich immer gesellschaftlich ein Grund, so hat es Marx auch analysiert im „Achtzehnten Brumaire", den bedrohten Konsensus durch Feindprojektionen zu kitten. Nichts ist dringlicher als ein Feind, der die eigenen Reihen durch Patriotismus wieder schließt. Es gibt auch Äußerungen von bekannten Leuten der Administration, die sagen, wir brauchen ein neues Pearl Harbour, wir brauchen das zur Integration der Gesellschaft und zur Neuaufteilung der Welt. Die Feindposition ist wichtig, nicht der konkrete Feind: nachdem wir Bin Laden, der für den 11. September verantwortlich gemacht wird, nicht polizeilich dingfest machen können, muss ein anderer gesucht und gefunden werden. Die Feindsuche ist im Augenblick auch eine Art Problemexport dieser imperialen Gesellschaft, deren Menschen es nicht besser geht durch die Beseitigung des Kalten Krieges, sondern eher schlechter. Eine amerikanische Mittelstandsfamilie hat vor zehn Jahren etwa fünfzig Stunden in der Woche arbeiten müssen, um einen bestimmten Lebensstandard zu halten, im Jahre 2002 sind Untersuchungen gemacht worden, dass eine Mittelschichtsfamilie (das sind natürlich Durchschnittswerte) fast hundert Stunden arbeiten muss, um denselben Lebensstandard zu halten und zwar in fragmentierten und flexibilisierten Arbeitszeiten der Familienmitglieder, so dass eigentlich überhaupt keine Beziehungsarbeit mehr möglich ist. Die einzelnen Mitglieder der Familien sehen sich kaum noch und haben wenig Kommunikationskontakte.

Ich will das als einen der möglichen Kriegsgründe nennen, der in der Öffentlichkeit nicht behandelt wird, aber es ist einer! Der Patriotismus ist das enthüllte Geheimnis, sagt Marx, des verengten Privatblicks der Menschen. Je enger ihre Lebensverhältnisse sind und je konkreter die Angst ist, dass sich die Lebensverhältnisse noch verschlechtern können, desto größere „Kaiserhoffnungen" haben sie. Sie transportieren ihre Integrationserwartungen auf einen Führer, von dem sie Verbesserung ihrer Lebensschicksale erhoffen. Das ist die eine Seite. Ich glaube, wenn wir nicht den Blick zurücklenken auf das, was die Gesellschaften und die Menschen wirklich bewegt und deren soziale Probleme ausmacht, dann produzieren wir potentielle Kriegsherde in der Welt. Solche Kriegsherde sind z.B. die wachsenden Elendsquartiere und Flüchtlingslager auf dem Erdball. Natürlich sind auch einzelne immer bereit, den großen Krieg zu riskieren, zumal ihnen die Waffen noch serviert werden, denn die Laboratorien für Anthrax und alle Waffen, nicht nur Atomwaffen, die kommen aus den entwickelten Ländern und werden gleichsam zugeliefert und kommen auf den Markt. Nach Marx und Adorno und Horkheimer ist eine befriedigende Lebensweise in einer Gesellschaft so, dass die Menschen sagen, wir erkennen uns in dem, was wir tun, wieder, ein nachhaltiger Friedensakt. Es gibt so etwas wie ein praktisches Gefühl von Leistungsgerechtigkeit, instinktive Sicherheiten über Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft. Sind diese Normen erfüllt, nur dann kann von Friedenssicherung gesprochen werden.

Ich will jetzt gar nicht ausmalen, was in vier Wochen nach einem gut möglichen militärischen Sieg der Kriegskoalition im Irak los sein wird; ich kann mir das nur furchtbar vorstellen, wenn die ethnischen Gruppen anfangen, Rachefeldzüge zu veranstalten und der Terrorismus sich ausbreitet und viele Dinge, die wir ja jetzt in Jugoslawien auch noch erleben. Die Ermordung von Djinjic ist auch noch ein Resultat einer nicht wirklich entwickelten und nicht entwicklungsfähigen Gesellschaft, weil man sehr viel Geld für den Krieg ausgegeben hat, aber doch sehr wenig für die Gesellschafts-Entwicklung und für Beseitigung der Kriegsbedingungen, für den Aufbau einer lebensfähigen Demokratie. Das ist ein Wahrheitsgehalt der Marxschen Theorie, bis heute unausgestanden, unerledigt und macht die Aktualität dieses Denkens aus. Der Blick auf die inneren Macht- und Herrschaftsbedingungen einer Gesellschaft, die im Zusammenleben den Krieg fördern und den Boden für Kriege abgeben, darf durch Oberflächensiege nicht getrübt werden. Man hat ja auch die konkreten Beispiele; solange Palästina ein Armutsgebiet ist und bleibt, wird es Terror geben! Für Marx ist in der Tat der Zustand der Arbeitsgesellschaft ein wesentliches Element der Friedenssicherung. Heute muss man hinzufügen: auch der Mangel einer solchen Arbeitsgesellschaft schafft in unserer Welt Kriegsgründe. Deshalb sagt er, wir müssen an die wirklichen Verhältnisse heran, um sie zu verändern und eine Emanzipation der Menschen unter den Bedingungen, unter denen sie leben, zustande zu bekommen, wenn wir eine Friedenssicherung haben wollen. Kategorischer Imperativ, also alle Verhältnisse umzustossen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Was trägt Kants Theorie zu dieser Friedenssicherung bei? Und worin besteht die Aktualität von Kant in diesem Zusammenhang? Ein Element liegt auf der Hand, das heute häufig durcheinander gebracht wird, nämlich die Trennung von Legalität und Moralität. Sie hat Kant ins Zentrum seiner Moralphilosophie gerückt. Ich will an die philosophische Tradition Descartes erinnern, vor allem daran, dass dieses Denken am entschiedensten beigetragen hat zur Aufhebung der Inquisitionsgerichtsbarkeit, und zwar durch eine philosophische Argumentationsweise, die allmählich ins Bewußtsein der Menschen eindrang. Descartes sagte, es gibt eine res extensa (ausgedehnte Sache) und eine res cogitans (denkende Substanz), und die sind nicht aufeinander übertragbar, sind nicht durch Kausalitätsgesetze miteinander verknüpft. Denken, auch der intensivste Wunschgedanke, vermag, im Sinne einer Hexenbeschwörung, den Anderen nicht zu töten. Es sind zwei Wirklichkeitsebenen, die miteinander nichts zu tun haben. Diese Trennung hat wesentlich zur Aufhebung der Inquisitionsgerichtsbarkeit geführt und die Hexenverbrennungen (allmählich) beendet.

Bei Kant haben wir ein ganz entschiedenes Programm der Trennung von Legalität und Moralität. Die Legalität hat es mit den Wirkungen äußerer Handlungen zu tun und die Moralität mit der Begründungslogik innerer Handlungen, d.h. der Gesinnung, auch der guten Gesinnung. Was wir heute vorfinden, ist ein gewaltiger Einbruch zivilisatorischer Errungenschaften; mich überrascht ja nicht diese Glaubensgewißheit von George W. Bush, der auf sein Saulus-Paulus-Erlebnis gelegentlich verweist, die imitierte Glaubensgewißheit von Tony Blair irritiert mich, mit welcher Arroganz hier Glaubensgewißheiten ausgespielt werden gegen die Formen des Rechts. Wir haben es in der Tat mit der Rückkehr der Inquisitionsgerichtsbarkeit zu tun. Saddam Hussein, den ich wirklich für einen Terrormenschen halte, hätte tun können, was er wollte, wenn man auf der Achse des Bösen liegt und die anderen die Achse des Guten für sich beanspruchen können, dann ist es wie in den Hexenprozessen, nicht mehr von Bedeutung, was der Einzelne gemacht hat, sondern alleine seine Gesinnung. Und die wird als unzweifelhaft böse definiert. (Ob man nach einem Sieg über Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen findet oder nicht, ist gegenüber dem gesicherten Tatbestand, dass er sie hätte produzieren und anwenden können, gleichgültig.)

Das Rückgängigmachen der Trennung von Legalität und Moralität hat eine gefährliche Dimension angenommen; die Errungenschaften dieser Trennung gehen zurück in Europa auf die Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs und auf dessen Beendigung durch den Westfälischen Frieden, wo zum ersten Mal diese Trennung vorgenommen wird. Akkusationsgerichtsbarkeit entsteht, Anklagegerichte entscheiden nach Handlungen, die vor Gericht bewiesen werden müssen. In den Akten des Westfälischen Friedens taucht zum ersten Mal der moderne Begriff der Toleranz auf.

Auch hier haben Sie eine Rückbildung des Denkens. In die Zeit weit vor Kant. Das ist gefährlich, weil es Massen ansteckt und weil es regierungsamtlich ist, mit hohem Autoritätsbonus ausgestattet. Eine ganz gefährliche Dimension der Verletzung von Bürgerrechtsnormen und Völkerrechtsbestimmungen, die die Betreffenden, in diesem Fall die USA nach dem Sieg über den deutschen Faschismus, selber mit gesetzt haben. Kant geht nicht davon aus, dass der Mensch gut ist, obwohl er seinen Rousseau sehr intensiv gelesen hat. Von Rousseau hing das Bild in seinem Arbeitszimmer, das einzige. Aber er sagt, der Mesch ist nicht frei, aber freiheitsfähig. Er kann anders handeln, als aus Gesetzen der Natur-Kausalität, der Abhängigkeit. Er ist freiheitsfähig, deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie Vorkehrungen zu treffen sind, wie Kant sagt, damit er der „verdammten Neigung", Gesetze zu verletzen, nicht folgt. Zwei Ebenen gibt es, auf denen diese Verletzungen ruchbar werden: Moralität und Legalität. Im Entwurf zum Ewigen Frieden sind im Grunde zum ersten Mal Gesetze formuliert, unter denen die Menschen so etwas wie eine emanzipierte Weltgesellschaft denken können. Förderative Strukturen kann es nur geben, nicht imperiale einzelner Regierungen und Völker. Der Begriff des Völkerbundes taucht zum ersten Mal bei Kant auf. Der Völkerbund muss einer der Gleichen untereinander sein, weil er sonst nicht funktioniert. Im Verhältnis der Ungleichen steckt der Keim neuer Kriege. Er kritisiert jene Potentaten scharf, die ihre Untertanen verkaufen an andere Länder, wie süddeutsche Fürsten einfach ihre Untertanen verkauft haben, d.h. die Menschen als bloße Mittel für ihre Schlachten benutzen.

Moralphilosophie kreist um drei Begriffe bei ihm, auch das ist wichtig, um Freiheit, Würde, Autonomie. Eigensinn und aufrechter Gang sind Kennzeichen freiheitsbewußter Menschen. Moralphilosophie ist so etwas wie der Begründungszusammenhang für das, was die Menschen eigentlich auf der Grundlage ihrer Naturanlagen, also ihrer Freiheitsfähigkeit, machen sollten. Freiheit kann man nicht beweisen, da aber die Natur im Allgemeinen nichts umsonst macht und dem Menschen das Freiheitsvermögen gegeben hat, solle er diese Freiheit auch so benutzen, dass er eine friedensfähige Welt gestaltet. Es gibt verschiedene Formulierungen des Kategorischen Imperativs, die von höchster Aktualität sind. Handle so, dass die Maxime deines Willens allgemeines Gesetz werden kann; du musst dir vorstellen können, dass die Maxime deines höchst individuellen Wollens ein verpflichtendes Gesetz für alle werden kann. Präziser sind jedoch die folgenden zwei Formulierungen: Handle so, dass du in deinem Handeln oder besser in den Maximen deines Handelns die Menschheit in deiner Person und in der Person jedes anderen achtest. Das ist nicht nur ein individueller Akt, sondern ich beziehe mich auf das, was Menschheit ist, auf seine Vernunftfähigkeit, im Grunde auf ein das vernünftige Zusammenleben der Menschen sicherndes Gemeinwesen. Das unterstreicht die andere Formulierung des Kategorischen Imperativs: Handle so, dass du andere Menschen nie bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck, als Selbstzweck, in Betracht ziehst. Das bedeutet etwas sehr Konkretes, sich im Alltag zu überlegen, ob ich einen anderen nur benutze für eigene Zwecke oder ob ich seinen Autonomie- und Freiheitsspielraum erweitere. Das wäre der Zweck, der damit verknüpft ist. Deshalb ist die Kantische Philosophie eine Philosophie der Friedenssicherung in so weit, als Kant sagt, der Krieg beginnt im Denken, er beginnt viel früher, als der deklarierte Kriegsbeginn, bevor die Truppen marschieren und das Abschlachten der Menschen einsetzt. Er hat das so deutlich gesagt, wie man das nur sagen kann.

Der Dogmatismus und der Schein, als ob Glaubensgewißheiten Erkenntnisse wären, produziert einen potentiellen Krieg zwischen den Menschen. Die Bekämpfung, die entschlossene Bekämpfung des Dogmatismus und der fatalen Orthodoxien, die nichts offen lassen, weil alles gesichert erscheint, ist ein wesentliches Element der Friedenssicherung. Horkheimer formuliert solche Grundsätze in seinem frühen Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie"; ich könnte Ihnen jetzt viele Zitate bringen, die im Grunde diesen Gedanken variieren; Kritische Theorie steht ursprünglich für Marxsche Theorie (in einer Art Sklavensprache). Diese sprachliche Wendung ist verständlich, wenn man die politische Funktionalisierung der Marxschen Theorie in dieser Zeit in Rechnung stellt. Aber Kritik, das Element der Kritik, d.h. der Infragestellung von dogmatischen Glaubensgewißheiten, ist ein wesentliches Element für gesellschaftliche Friedenssicherungen, bei Marx, ebenso bei Kant und der Kritischen Theorie. Diesen Umstand Frieden herzustellen, indem Konflikte verhandelt und ausgetragen werden, setzt einen politischen Raum von Öffentlichkeit voraus.

Sie finden bei Kant, Marx und der Frankfurter Schule in je spezifischer Prägung einen hochbesetzten substantiellen Begriff von politischer Öffentlichkeit. Wo politische Öffentlichkeit fehlt oder von Unterhaltungs-Öffentlichkeiten völlig überlagert wird, da entstehen gefährliche Spannungsumstände, da geht es immer wieder so, wie es Caesar ergangen ist. Für ihn war es tödlich, dass er, ein großer Feldherr, beim Eintritt in den Senat, eisiges Schweigen erzeugte. Deshalb war Verschwörung das einzige Mittel, dem Unbehagen gegenüber einem übermächtigen Feldherrn Ausdruck zu verleihen. Und das Resultat kennen Sie. Caesar wurde ermordet. Dieses Schweigen einer Gesellschaft, einer ursprünglich kritischen Gesellschaft, ist das Vorstadium wachsender Gewaltneigungen. Ich bin froh, dass einige im amerikanischen Senat sich in die Öffentlichkeit mit kritischen Äußerungen trauen: so ganz haben wir das nicht gewollt, was Bush macht, aber es sind nur verstreut Einzelne. Im Vietnamkrieg wuchs von Jahr zu Jahr die Opposition; eine gleichgeschaltete Senats- und Kongreßöffentlichkeit hat es damals nicht gegeben. Es ist ein gutes Zeichen, dass es die Europäischen Parlamente nicht einfach nachmachen, sondern dass sich hier eine öffentlichkeitsbewußte Opposition gebildet hat, die den Bündniskonflikt mit den USA riskiert.

Für Kant ist Öffentlichkeit ein transzendentales Prinzip, also ein hochrangiger Bedingungsrahmen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es ist zentrales Mittel des Austragens von Konflikten, insbesondere der gewaltfreien Austragung kriegsfähiger Probleme. Nicht Konflikte und Gewaltneigung in einer Gesellschaft sind das Problem, sondern der Mangel an Öffentlichkeit, sie auszutragen, rechtsverbindliche Vereinbarungen zu treffen; dann schwelen sie im Untergrund weiter und nehmen explosive Form an. Sie können das in Ihrem Privatleben nachvollziehen. Partnerprobleme, die über Jahre verschleppt werden, keinen kommunikativen Ausdruck finden, führen eines Tages schlicht zur Scheidung und hinterlassen häufig Gewaltaufrechnungen. Öffentlichkeit ist ein wesentliches Element dieses Prozesses der Friedenssicherung im Denken.

Deshalb ist ein charakteristischer Begriff bei Kant der Gerichtshof. Ich möchte hier auch einen sehr aktuellen Bezug herstellen, Krieg im Irak und Einrichtung eines Internationalen Gerichtshofes. Kaum zufällig ist diese imperiale Macht nicht bereit, sich an diesem Gerichtshof zu beteiligen. Wenn dieser Internationale Gerichtshof im UNO-Auftrag arbeitet, könnte durchaus die Situation entstehen, dass Georg W. Bush nach Aufgabe seines Amtes als Privatperson angeklagt und verhaftet werden kann. Das wissen die Krieger im Pentagon auch, dass Angriffskriege seit dem Völkerbund verboten sind. Der Irak-Krieg ist ein Angriffskrieg. Deshalb sagt Kant, man solle sich die Kritik der reinen Vernunft als eine Art Gerichtshof vorstellen, als eine öffentliche Verhandlung von Menschen mit Argument und Gegenargument. Entsprechend bezeichnet er das Gewissen als „inneren Gerichtshof" (ein wunderbarer Ausdruck), in dem es Ankläger, Verteidiger und Richter gibt.

Der innere Gerichtshof knüpft in der Tat an die alte Tradition der Gewissensbildung sprachlich wieder an. Im Griechischen heißt Gewissen syneidesis, frei übersetzt bedeutet das: es ist immer einer, der zuschaut bei meinen Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen, es sind immer mehrere Beteiligte. Im Lateinischen ist es ähnlich: Conscientia bedeutet Gewissen, Bewußtsein von Recht und Unrecht, aber auch Mit-Wissen. Für Kant ist dieser „innere Gerichtshof" Zeichen dafür, dass es immer mehrere Beteiligte an dieser Gewissensentscheidung gibt. Ein ganz privates Problem ist mein Gewissen nicht. Ist es auch, wie die griechischen und lateinischen Wortbedeutungen zeigen, in der Tradition der Gewissensbildung nicht. Die Vernunft ist für Kant eine Art Gerichtshof zur Bekämpfung des Dogmatismus und der angemaßten, ursurpierten Glaubensgewißheiten. Wörtlich heißt es bei Kant, „dass die Vernunftkritik als bloße Spekulation mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu erweitern, tut ihrem Werte keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung und Eintracht sichert." Also, sagt Kant, den Hobbesschen Naturzustand des Krieges zu beseitigen. Der Krieg aller gegen alle ist ein der menschlichen Gemeinschaft und der Vernunft unwürdiger Zustand. Kant weiss sehr wohl, dass Vernunft-Gerichtshöfe nicht ausreichen, aber ohne sie ist Frieden unmöglich.

Zum Schluss einige Randbemerkungen: Es ist immer wieder versucht worden, Kant und Marx zu vermitteln, ja zu integrieren; Formen des Ethischen Sozialismus sind dabei ausprobiert worden. Dieser ethische Sozialismus ist sicherlich eine Spielform der Kritischen Theorie, die nicht deutlich geworden ist im Denken von Horkheimer und Adorno, aber wohl immer mitgedacht war.

Sozialismus, in dem die Kantische Philosophie eine Rolle spielt, setzt Verantwortung des Individuums ins Zentrum der Theoriebildung und verweigert Entlastungen, indem auf die Übermacht der Kausalitätsverhältnisse verwiesen wird. Dass man doch nicht anders könne, weil die Verhältnisse so eng sind, gehört zum Alltagsarsenal solcher Entlastungen. Heute kann ja jeder, der auf Globalisierung verweist, sagen, was kann ich armer Mensch angesichts dieser weltweiten Prozesse, dieses Kriegsgeschehens tun! Für mich war es sehr beeindruckend heute zu sehen, wie überwiegend junge Leute gegen den Irak-Krieg demonstrierten, obwohl sie doch wußten, dass das unmittelbar nicht zur Beendigung des Krieges führt. Das war genau so bei den anschwellenden Protesten gegen den Vietnamkrieg. Wichtig sind Bewußtseinsveränderungen durch Einbeziehen des Anderen, Reflektieren in der Öffentlichkeit ist ein Akt menschlichen Eingriffs. Wer heute einfach auf die Ohnmacht verweist, in der er selber steckt, entledigt sich seiner Verantwortung. Es gibt kein besseres Mittel, sich aus der Verantwortung zu lösen, als zu sagen: Was kann ich gegen die New Yorker Börse ausrichten? Das ist der Punkt von Kant. Es gibt den römischen Satz: Ultra posse nemo obligatur, über mein Vermögen hinaus bin ich nicht zu verpflichten. Jenseits der Grenzen meiner Kräfte hört die Moralität auf. Und Kant sagt, genau da beginnt die Moralität. Über dein Vermögen hinaus bist du zu verpflichten. Denn wenn es alle machen und wenn die Kausalität der Verhältnisse dich in deinem Handeln so fördert, dann ist das ja auch kein moralischer Akt mehr, irgendetwas zu tun; da sitzt du in der Kausalität mitten drin. Das ist ein guter Gedanke, auch ein höchst aktueller Gedanke, weil heute mit der Kausalität der Verhältnisse sich die Menschen ihre Verantwortung vom Leibe schaffen und Moralität im Kantischen Sinne hat es eben wirklich auch zu tun mit dieser Form des Übernehmens; übernimmt sich der Mensch mit diesem Verantwortungsanspruch nicht ein bisschen? Ja, aber dieses Sich-Übernehmen würde nach Kant genau das sein, was den Menschen auszeichnet, was ihn von den Schafen unterscheidet, die sich nicht übernehmen.

Ich glaube, es ist an der Zeit, Theorietraditionen, die dem postmodernen Vergessen anheimgegeben wurden, sich wieder lebendig anzueignen. Das betrifft die Frankfurter Schule, in ihrer gesellschaftspolitischen Dimension, das betrifft aber auch zurückliegende Denkformen, wie die Dialektik von Hegel, wie Marx und vor allen Dingen wie Kant, die in ihrer Intensität, ihrer gedanklichen und begrifflichen Konzentration doch einen riesigen Vorrat an Denkmöglichkeiten geschaffen haben.

Es gehört zur intellektuellen Verantwortung meiner Generation, diese Vorräte nicht zu verschleudern, sondern den kommenden Generationen als lebendige Bestandteile unserer Kultur zu übergeben. In diesem Sinne ist ein Gedanke des späten Marx von Interesse, der diesen Zusammenhang der Sicherung einer friedfertigen Generationenfolge ausdrückt; dass wir heute hinreichend Gründe haben, wir Älteren, der jungen Generation eine Erde, eine Welt zu hinterlassen, die die Reichtümer bewahrt und pflegt, bedarf kaum umständlicher intellektueller Operationen. Es wird eine Generation kommen, die uns fragen und vorwerfen kann, was habt ihr eigentlich mit dem nie dagewesenen Reichtum getan? Habt ihr den Reichtum benutzt, um diese gewaltigen Waffenarsenale auch nur abzuschaffen? Es ist ja zu einem Problem geworden, z.B. in der früheren Sowjetunion, diese Waffenarsenale so zu entsorgen, dass sie nicht gefährlich sind, ganz abgesehen von der Neuproduktion von Kriegstechnik. Wieviel Geld und Energie wird auf die Entsorgung maroder Atomkraftwerke und der zahllosen Giftfabriken des Westens verwendet, die ja auch den Irak beliefert haben? Offenkundig sehr wenig.

Marx hat einmal gesagt, im dritten Band des „Kapital", an einer ganz versteckten Stelle über die Baustellenrente, Bergwerksrente: „Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so absurd (abgeschmackt) erscheinen, wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde, sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer und sie haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu überlassen."

Das ist ja eigentlich ein kategorischer Imperativ, der so stark betont, dass jede Form des gewalttätigen Eingriffs in diese Neuordnung der Welt unglaubliche Verwüstungen anrichtet, nicht nur Kollateralschäden, wie man das so zynisch nennt, also Schäden, die eben nicht zu vermeiden sind. Im deutschen Sprichwort heißt es: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Diese Haltung ist wirklich in einer Weise zynisch und entwürdigend, dass die Menschen in ihrem Bedürfnis nach einer innergesellschaftlichen und zwischengesellschaftlichen Friedenssicherung noch verhöhnt werden. Gegen diese Perversion ist entschieden Einspruch zu erheben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
 

Fragen und Diskussionen

1. Sie stellen die Frage nach der Bedeutung von Flexibilitätsstrategien für den gegenwärtigen Kapitalismus. Ich glaube, das ist ein sehr zentraler Punkt. Zur Zeit gibt es eine Flexibilisierungseuphorie. In ihrem Windschatten ist die Erwartung mitgesetzt, dass die Menschen sich flexibel in Marktkausalitäten bewegen und ihre ganzen Energien darauf konzentrieren, die Marktchancen abzuschätzen. Richard Sennett zeigt überdeutlich die sozialen Folgen der Flexibilisierung, in seinem Buch „Der flexible Mensch", ein Buch über Amerika und die Flexibilisierungsfolgen in diesem Land. Schon die Übersetzung ins Deutsche ist ein Skandal, weil das im Deutschen „Der flexible Mensch" heißt, aber im amerikanischen Originaltext „The corrosion of character" (das heißt ja wörtlich übersetzt: Zerfressen, Zernagen, Ätzen). Das ist, meiner Auffassung nach, etwas anderes, als was hier übersetzt wird. Diese „Corrosion of Character", diese Charakterstrukturenverän-derung, auf die sprechen Sie an, wird in dieser Übersetzung unterschlagen. Und in der Tat glaube ich, dass wir heute dabei sind, aufgrund dieses Überhangs an Kausalitäten, die von der Wirtschaft auf den Menschen zukommen und der Notwendigkeit, flexibel sich zu bewegen in diesem Marktgeschehen, um nach Art sozialdarwinistischer Überlebenskämpfe etwas zu ergattern, etwas zu erkämpfen, dass solche Prozesse einen außen-geleiteten Menschentyp erzeugen, das ist noch etwas anderes als der autoritäre Charakter. Das, was David Riesman den außen-geleiteten Menschen bezeichnet, ist heute der leistungsbewußte Mitläufer. Und wenn dieser leistungsbewußte Mitläufer in diese Wirklichkeit gestossen wird, wenn der sich da auch zu Hause fühlt, jedenfalls sich als allseitig verfügbares Lebewesen versteht, dann haben wir es mit ganz gefährlichen Verschiebungen in unserer Gesellschaft zu tun, die sich unter anderem ja andeuten im Wahlverhalten, das völlig konfus ist. Auch die Demoskopen können nicht mehr sichere Prognosen wagen, es sei denn, es handelt sich um Großwetterlagen, wenn jeder Mensch Prognosen riskieren kann: Es läßt sich nicht vermeiden, dass morgen schönes Wetter ist, in solchem Fall ist auch eine Wahl-Prognose möglich.

Aber die Demoskopen können nicht mehr diese Potentiale fassen; das kann nach rechts sehr schnell ausweichen, wenn die entsprechenden Identifikationsfiguren auftreten. Die haben wir noch nicht, das ist Haider nicht, das ist LePen nicht, und in Deutschland gibt es praktisch noch keinen der Rechtsradikalen, der wirklich Führerqualitäten hat. Aber der Angstrohstoff, der für Rechtsradikale verarbeitbar ist, wächst. Das hat damit zu tun, dass sich hier Charakterstrukturen verändern im Sinne des allseitig verfügbaren Menschen, der manipulierbar und verführbar ist. Sechzig Prozent der Amerikaner sind für den Krieg, woher kommt das? Nach der Erfahrung von Vietnam. Dass einzelne europäische Regierungen an diesem Kriegsabenteuer sich beteiligen (wenn überwiegend auch nur symbolisch), bedeutet nicht, dass die Völker beteiligt sind. Diese Resistenz der Völker gilt für England und ich hoffe, sie gilt für Spanien und sie gilt für Deutschland. Aber die Tendenz verstärkt sich, dass ein Charaktertyp sich herausbildet, der außen-geleitet ist und das verliert, was Kant mit Autonomie, mit autonomer Urteilsfähigkeit bezeichnet; wo aber Eigensinn und Autonomie diskriminiert sind und gesellschaftliche Anerkennung verlieren, schrumpfen Widerstandsfähigkeit und aufrechter Gang, die demokratischen Haupttugenden.
 

2. Welche Bedeutung haben in diesem Prozess die Massenmedien?

Die Massenmedien spielen eine sehr große Rolle darin. Die Herstellung von Folgebereitschaft gegenüber selbst den unsinnigsten Entscheidungen ist in der Tat auch ein Produkt dieser massenmedialen Welt, in der ja ein Schein von Öffentlichkeit erzeugt wird. Ich habe heute früh im Hotel CNN bekommen, sehr fragmentiert, es war kein gutes Bild, aber die ritualisierte Berichterstattung deutete schon darauf hin, dass sich da im Grunde in den entscheidenden Lebens- und Kriegsfragen diese Medien völlig konform halten mit den Regierungsregeln, und dass das aufgefundene Giftgas vom Geheimdienst selbst in den Irak geschafft wurde. Ich habe die größte Befürchtung, dass sie Giftgas finden werden, aber die Geheimdienste verfolgen eine eigene Politik als Legitimationslieferanten.

Das bedeutet eine Entmachtung der kritischen Öffentlichkeit. Wenn das, was Habermas oder Kluge und ich als politisch fungierende kritische Öffentlichkeit begriffen haben, eine Zwischenzone in der Spannung von nicht immer gesundem Volksempfinden und den Regierungsapparaten, sich auflöst oder der Zensur unterworfen wird, dann ist mehr gefährdet als objektive Berichterstattung. Ein demokratisches Fundament ist bedroht. Öffentlichkeit hat nicht die Funktion, das „Volksempfinden" in dem empirischen Zustand, in dem es sich jeweils befindet, zu spiegeln. Ganz im Gegenteil, die große bürgerliche Öffentlichkeit, und da haben Sie ganz Recht mit dem Hinweis auf Repräsentationsöffentlichkeit des Mittelalters, die große bürgerliche Öffentlichkeit ist eine Reflexionsöffentlichkeit im Zwischen von Arkanmacht, der Geheimpraxis der Mächtigen und eben den mündigen Bürgern, die sich sagen, das kann nicht so sein, wie es regierungsoffiziell dargestellt wird. Das ist eine brechende Zwischenschicht, reflektierende Dimension, die ist heute praktisch ganz verschwunden. Sie können es nicht mehr ertragen, die politischen Talkshows, in denen immer dieselben Leute immer dasselbe wiederholen und sonst die Öffentlichkeit praktisch auf einen Unterhaltungsbetrieb reduziert ist. Im übrigen ganz Ähnliches gibt es in der Zeit des Untergangs der römischen Republik, wo in dem Maße, wie der diskutierende, wirklich diskutierende und reflektierende Senat an Bedeutung verliert, immer mehr Mittel in den Ausbau des Circus Maximus gesteckt werden; der wird immer größer. Die Unterhaltungsbranche im Rom der siebziger und sechziger Jahre, mit Gladiatorenspielen und Tausenden von Tieren, die im Pompeius-Theater hingeschlachtet werden, nimmt riesige Dimensionen an. So weit ging das blutige Spiel, dass zum Ärger des Veranstalters Pompeius die angestochenen Elefanten mit ihren Schmerzschreien die Zuschauer aus der Arena vertrieben. Sie haben etwas Ahnliches heute in den Medien. In der Tat eine Unterhaltungsindustrie mit fast hundert Programmen und das erdrückt völlig so etwas wie eine kritische und politisch fungierende Öffentlichkeit, die Kant gemeint hatte, die Marx gemeint hatte, die die Frankfurter Schule gemeint hatte, die sich sehr viel mit solchen Fragen von Öffentlichkeit, wie die transformiert wird, auseinandergesetzt haben, und wir auch, Kluge und ich. Mit diesem Begriff der proletarischen Öffentlichkeit gegenüber einer Öffentlichkeit, die eigentlich keine politische Öffentlichkeit mehr ist, wollten wir die gesellschaftlichen Protestpotentiale bündeln.

Da haben Sie in vielen Dingen eine Regression des Denkens, nicht nur in Bezug auf Inquisitionsgerichtsbarkeit, worüber wir gesprochen haben, auch das ist eine Regression; ich meine das Heimatschutzministerium in den Vereinigten Staaten, das jetzt eingerichtet wurde, mit weitgehenden Überwachungsfunktionen und Regierungskompetenzen, die im Prinzip einen gesicherten Privatraum aufheben, was an eine schlimme Zeit gemahnt, auch bei den Amerikanern selber, sehr stark erinnert an die Mc Carthy-Ära. Die Bespitzelung und Überwachung von Intellektuellen hat ein Maß angenommen, wie es seit der Mc Carthy-Ära nicht mehr denkbar war. Selbst in der Vietnam-Protest-Ära war es nicht so schlimm. Das bedeutet natürlich Regression des Denkens auch, Rückbildung der Rationalitäten und der Vernunftfähigkeit einer Öffentlichkeit, das ist ganz wichtig.
 

3. Was ist seit dem 11. September grundlegend verändert?

Ich kann nur spekulieren, ich habe mir meine Gedanken darüber gemacht und will das vorschlagen, als eine mögliche Erklärung. Dabei muss ich weiter zurückgehen. Mit der Beendigung des Kalten Krieges ist die Aufteilung der Welt in drei Teile, in denen wir aufgewachsen sind, erste, zweite, dritte Welt, mit den entsprechenden strategischen Einflusszonen, die es gab in jedem dieser Bereiche, verloren gegangen. Wir wissen auch, dass Afrika zu diesem Bestandteil der strategischen Abgrenzungen gehörte, ob es Angola ist oder Mosambik oder andere halbsouveräne nachkoloniale Territorien, sie alle waren eingespannt in dieses strategische Geflecht eines Gleichgewichts des Schreckens. Weil die Sowjetunion über ein gewaltiges Atompotential verfügte, das irgendeinen Angriff der Vereinigten Staaten auf ein Land der Interessensphäre des Anderen zu einem hohen Risiko machte, ist die Aufteilung der Welt relativ übersichtlich geblieben. Das galt selbstverständlich auch für den imperialen Ausdehnungsdrang der Sowjetunion. Deshalb haben sich die Vereinigten Staaten zurückgehalten in dem Bedürfnis, die Welt neu aufzuteilen. Sie konnten nur in einem Punkt, der Kuba-Krise, diese vor ihren Türen aufmarschierende Weltmacht vertreiben. Das ist aber weitgehend akzeptiert worden von den Mächtigen, auch in Moskau. Aber sonst haben sich die Vereinigten Staaten nur indirekte Interventionen erlaubt, weil die Gefahr von der Sowjetunion und China bestand, dass ein großer Konflikt daraus wird.

Seit 1989 ist nun dieser zweite Block, eine stahlharte Abgrenzungsrealität, militärstrategisch und ökonomisch zusammengebrochen. Militärstrategisch noch nicht in dem gleichen Maße wie ökonomisch. Das bedeutete für die Dritte Welt nicht nur Souveränitätszuwächse, sondern ausgesprochene Katastrophen. Es hat sich überhaupt keiner mehr für Afrika interessiert. Afrika war vor etwa zwölf Jahren noch mit 8 % am Welthandel beteiligt, ich meine Afrika südlich der Sahara, es ist jetzt auf 0,3 % gerutscht in der Beteiligung am Welthandel und es kümmert sich doch keiner, ob in Uganda Massenmord stattfindet, hinterher wird etwas zu reparieren versucht, aber ganze Landstriche verhungern.

Das sind Folgen, die die Dritte Welt betreffen und ich glaube, dass diese Form der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, um auf Ihre Frage nach prinzipiellen Veränderungen genauer einzugehen, imstande ist, ökonomische Prosperität für einen erheblichen Bevölkerungsteil zu sichern und natürlich auch Planwirtschafts-Systeme auszuhöhlen, die nur in einem Punkt auf Augenhöhe des Weltniveaus waren, nämlich in der Militär-Rüstung und der rüstungsvermittelten Luftfahrttechnik. Man stelle sich einmal vor, ein Land, das wirklich mit Alltagsproblemen zu tun hatte, wie die Sowjetunion, ist auf dem Rüstungssektor mit dem Westen pari gewesen; was hat das für die Aushöhlung der Alltagsökonomie bedeutet? Man sagt, der Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist übrig geblieben. Aber wie ist es, wenn dieser Kapitalismus jetzt ohne die entgegen wirkenden Schranken Weltmachtansprüche stellt, wenn also die Auffassung entsteht, bei vielen Amerikanern: wir sind doch nicht nur überlegen im Ökonomischen und Strategischen, sondern unsere Lebensauffassung, unsere Lebensweise ist Vorbild? Dann tritt etwas auf, was eine kapitalistische Denkweise total überfordert. Die bürgerliche Gesellschaft ist ja nicht identisch mit Kapitalismus. Bürgerliche Gesellschaft ist etwas gewesen, was immer auch versucht hat, Barrieren dem Kapitalismus, Grenzen dem Markt zu setzen. Absolut neuartig ist es, und in der Geschichte noch nie dagewesen, dass die Gesellschaft zum Anhängsel des Marktes zu werden droht. Unter der Hand verwandeln sich die Denkweisen in marktvermittelte Begriffsmuster.

Stellen Sie sich vor, diese verengt marktvermittelten Denkweisen sollen jetzt die Neuordnung der Welt anleiten, wie kann das aussehen? Wenn jemand wie Rumsfeld, im übrigen deutscher Herkunft, verächtlich vom alten Europa spricht, das überhaupt keinerlei Gewicht im Weltgeschehen mehr hat, dann ist das imperiales Gehabe und Ausdruck einer Arroganz der Macht, die nur aus diesem Zusammenbruch der Zweiten Welt, der Sowjetunion, erklärlich ist. Macht und Kapitalismus werden gleichgesetzt. Das reicht nicht aus für eine Gestaltung dessen, was Kant Weltgesellschaft nannte. Kant hat den Begriff Weltgesellschaft mit geprägt. In ihrer gleichwertigen Struktur soll das Anerkennung der einzelnen Völker beinhalten. Ich halte es im Augenblick für möglich, dass dieses Imponiergehabe: „Wir sind mächtig, wir bedürfen keiner internationalen Gerichtsbarkeit und müssen das Völkerrecht nicht respektieren", am Ende zu einer ungewollten Selbstisolierung der USA führen wird und zur Einengung ihres Herrschaftsanspruchs. Diese Machtarroganz gilt natürlich nicht für alle Amerikaner, bei weitem nicht; auch die Intellektuellen versinken keineswegs geschlossen im blinden Patriotismus, auch da rühren sich ganz starke Gegenströme. Aber manche meiner alten Freunde kann ich in ihrem Bush-Patiotismus nicht verstehen. Hannah Arendt hat, rückblickend auf den Beginn des Dritten Reiches, eine bedenkenswerte Einsicht formuliert. Sie sagt, was unsere Feinde machten, das wussten wir, aber es war doch erstaunlich, was unsere Freunde machten und das hat uns irgendwie ziemlich berührt. Hier ist es ja so ähnlich. Was die Feinde so machen, das weiss man schon, aber wie sich Freunde verändern, unter diesen Bedingungen, ist doch auch riskant und höchst merkwürdig.

Ich glaube, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion als Abgrenzungsrealität ein wesentliches Element dafür ist, dass der Kapitalismus in seinen Machtansprüchen irgendwie verrückt geworden ist. Er war vorher domestiziert. Auch die Soziale Marktwirtschaft in Westdeutschland ist ein Produkt der Abgrenzung zum Osten. Man wollte freier, sozialer, gerechter sein als das, was in den östlichen Systemen an Existenzsicherheiten angeboten wurde. Sie haben seit 1989, seit diese Abgrenzungsrealität nicht mehr existiert, einen radikalen Abbau eben genau dieser sozialstaatlichen Errungenschaften. Die Mächtigen dieses Kapitalismus haben das Gefühl, nichts mehr befürchten zu müssen, man konkurriert nicht mehr mit einer halbwegs ebenbürtigen Macht, sondern geht jetzt an die Verteilung des Fells des Bären, den man erschossen hat. Man verteilt die Welt, plant Neuordnungen. Wenn Sie sich die Bücher über Neuordnungen der Welt ansehen, kann einem wirklich Angst und Bange werden. Persische Freunde befürchten, wenn der Irak besiegt ist in zehn Tagen, dann ist Persien das nächste. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Weltlage sich grundlegend verändert hat in diesen zehn Jahren und man gehofft hatte, jetzt brauchen wir nicht mehr so viel Rüstung, aber die Rüstung ist ja da. Sie können nicht einfach diese Rüstungskonzerne aus dem ökonomischen Zusammenhang herausnehmen, ohne ganz gewaltige Rezessionen zu erzeugen. Die Modernisierung der militärischen Rüstungen ist ein wesentliches Element des Antriebsmotors von Konjunkturen, das können Sie nicht einfach herausschneiden. Aber wenn es denn so ist, dann muss man diese modernen Rüstungen auch ausprobieren und dieser Krieg hat unter anderem einen Zweck, modernste Kriegs-Techniken durch Anwendung zu erproben und dadurch die eigenen Verluste auf ein Minimum zu reduzieren. (Die Feindtoten, ob Soldaten oder Kinder oder Frauen, werden nicht einmal mehr in der Statistik festgehalten, genau gezählt.) Das kann man nicht simulieren, da muss man einen wirklichen Feind haben und die sind stolz darauf, dass sie Präzisionswaffen haben, die auf den Zentimeter genau gehen. Das wird wahrscheinlich eine ganz grandiose Lüge sein, aber die Militärs glauben wirklich Waffen entwickelt zu haben, die so steuerbar sind, dass sie von zwei Leuten, die nebeneinander stehen, den einen töten und den anderen unverletzt lassen, aus größerer Luftentfernung. Darin steckt auch der imperiale Glaube, dass die Pax americana die einzige Möglichkeit der Befriedigung der Welt ist.
 

4. Warum hat der 11. September die amerikanischen Gemüter in einer Weise erregt, wie sonst kaum ein anderes Ereignis? Und warum fühlen sich in besonderem Maße die Intellektuellen betroffen?

Das ist eine Frage, die Sie einem Amerikaner stellen müssten. Das kann ich so nicht sagen, ich kann nur vermuten, dass für die Intellektuellen genauso wie für die einfachen Amerikaner dieser 11. September etwas hinterlassen hat, was man in psychologischen Kategorien als Trauma bezeichnet; zum ersten Mal macht man die Erfahrung der Verwundbarkeit dieses Landes, das ja Bombenangriffe feindlicher Mächte nicht kennt. Der Angriff auf das Zentrum oder auch nur symbolische Zentrum der Weltmacht mit soviel Toten, hatte Schockwirkung. Es gibt keinen amerikanischen Intellektuellen, der nicht über diese Ereignisse und die Verletzbarkeit und Verletztheit des nationalen Narzißmus spricht. Das ist in der Tat ein neuer Ausgangspunkt für Überlegungen, in denen sich die Intellektuellen auch ganz anders unterscheiden und trennen als bei anderen Ereignissen. Ich kann das nicht so nachvollziehen; ich habe telefoniert auch mit amerikanischen Freunden nach dem 11. September, wenige Tage später und es hat einen so tiefen Schock hinterlassen, der für uns gar nicht richtig verständlich ist. Hier in Spanien hat es einen verheerenden Bürgerkrieg gegeben und in Deutschland einen Faschismus, pausenlose Bombardierungen und Besatzungen, in den Vereinigten Staaten nichts dergleichen. Seit dem Bürgerkrieg vor fast 150 Jahren ist dieses Land eigentlich mehr oder weniger befreit gewesen von kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht von Gewalt, aber von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen auf dem eigenen Territorium. Man hat den Eindruck, dass hier wirklich der Angriff vom 11. September als ein neues Pearl Harbour verstanden wird. Denn Attentate in Amerika, von Amerikanern verübt, sind keine Seltenheit, können als eine Art Aufforderung an die Polizei betrachtet werden, internationale Suchaktionen zu mobilisieren. Das ist ja ursprünglich auch beabsichtigt gewesen, die Drahtzieher zu finden, also Bin Laden in vorderster Reihe, durch polizeiliche und geheimdienstliche Maßnahmen. Natürlich spielt Afghanistan dabei eine Rolle, das hat aber auch noch andere Dimensionen. Die Suche nach Bin Laden motiviert und begleitet den ganzen Afghanistan-Feldzug. Nun hat man ihn nicht gefunden durch militärische und polizeiliche Aktionen, auch nicht durch die Geheimdienste, die mit umfassenden Vollmachten ausgestattet sind, praktisch ein Staat im Staate. Man findet den zum Hauptschuldigen aufgewerteten Feind nicht. Und natürlich findet man ihn auch nicht dadurch, dass man irgend etwas bombardiert.

Es wäre jetzt notwendig ein radikales Umdenken, eine Veränderung des Begriffs des Krieges; denn der NATO-Vertrag verpflichtet nur zur Hilfe beim Angriff auf einen Bündnispartner und wenn der Feind da ist und erkennbar als Aggressor auftritt. Zum ersten Mal haben wir einen Krieg, wo der Feind gesucht werden muss. Das verändert das ganze Clausewitzsche Konzept von nationalen Kriegen. Es wird jetzt so getan, als ob der Krieg im Clausewitzschen Sinne eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei; tatsächlich aber hat der Kriegsbegriff sich grundlegend verändert. Deshalb spielt es für die Amerikaner auch keine Rolle, ob das ein Angriffs- oder Verteidigungskrieg ist, sie glauben, dass es ein Verteidigungskrieg ist, aber: der Terrorismus hat keine reguläre Armee. Terrorismus hat es immer gegeben, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten selber. John F. Kennedy und Robert Kennedy sind ermordet worden, Martin Luther King, diesen individuellen Terrorismus hat es immer gegeben. Ein ehemaliger Vietnamkrieger, der vor einigen Jahren ein Regierungsgebäude abgesprengt hat, wo hunderte von Tote waren, das waren alles Amerikaner. Wenn es diese Formen des Terrors immer gegeben hat, warum werden sie heute zum „Krieg" deklariert? Das ist für mich eine Frage, die viel tiefer reicht, in der Tat ist damit auch die Frage berührt, was ist das Denken, das dem zugrundeliegt, was sind die gesellschaftlichen Ursachen, dass eben so viele Menschen das glauben, und diese Veränderung des Krieges kennzeichnet auch die Irritationen innerhalb der NATO und ein Verhältnis zu den großen europäischen Ländern. Europa wird auf längere Sicht nicht darum herum kommen, ein eigenes Gewicht in der Weltpolitik zu beanspruchen. In hoffe, das gelingt. Aber es bleiben in diesem Zusammenhang viele Fragen, auf die ich keine Antwort habe.

Was bedeutet NATO-Hilfe, das war klar, dass der deutsche Bundeskanzler, jedenfalls hat er das sehr eindeutig gesagt, wenn wir den Amerikanern Überflugrechte verweigern, das können wir nicht, das ist eine Form der Beteiligung an diesem Krieg, aber das bedeutet auch eine Veränderung der ganzen NATO-Struktur, wird es auch. Wenn die Amerikaner, die müssten sich ja jetzt, nehmen wir mal an, es geht um die Kosten nach dem Krieg, das weiss auch Gerhard Schröder sehr genau einzuschätzen, dass es mehr um die Kosten nach dem Krieg geht als vorher, die Amerikaner haben da, und dann kommen, nehmen wir mal an, Bush kommt jetzt zu Aznar oder seinem Nachfolger und sagt, du bist doch selber für den Krieg gewesen, jetzt zahle entsprechend, um die Kriegsfolgen zu beseitigen, wie würde das aussehen, die werden gebeten werden und wahrscheinlich auch die Deutschen wieder, die Kriegsfolgen zu beseitigen, wie das im Kosovo gewesen ist. Das bedeutet jetzt, eine Supermacht führt Krieg und zieht sich dann, wie in Afghanistan, zurück und überläßt den Deutschen und den Holländern die Befriedung, die aber nicht gelingen kann, weil sich ja an den Sozialverhältnissen überhaupt nichts ändert in Afghanistan, so dass die alten Warlords wieder aus ihren Löchern kriechen und auch die entsprechenden Anhänger bekommen, denn die sind ja da, die sind ja nicht verschwunden. Das ist natürlich eine Weltordnungspolitik, die einem die Tränen in die Augen drücken kann. Es ist schon bedauerlich, dass viele Intellektuelle mitmachen, aber nicht alle. Im Augenblick bewegt sich das eher in ein Umdenken wieder, ich weiss allerdings nicht, ob sich so etwas wie eine Anti-Vietnam-Bewegung an diesem Krieg entwickeln wird, aus einem ganz einfachen Grund nicht, weil die werden von oben so lange bombardieren, bis alles kurz und klein ist, aber werden nicht die Zivilopfer, die vom Irak schon, aber nicht die eigenen Opfer angeben. Die 60.000 oder 70.000 Soldaten, die im Vietnam-Krieg gestorben sind, sind ja ein wesentliches Element gewesen. Wenn die Leichensäcke zurückgebracht werden, das mobilisiert die Bevölkerung. Aber vielleicht auch nur. Wenn z.B. Bagdad erobert werden soll und tatsächlich so etwas wie ein Straßenkampf sich entwickelt, kann ich mir die Opfer durchaus ziemlich hoch vorstellen. Aber im Grunde kann ich auf Ihre Frage nicht antworten. Das müssen Sie ... oder andere Fragen.


(*) Leicht überarbeitete Tonbandabschrift einer frei gehaltenen Rede im Madrider Goethe-Institut (in Kooperation mit der Universität) am Tage nachdem in der Nacht zuvor die ersten Bomben auf Bagdad fielen. 20. März 2003. Es gilt das gesprochene Wort.
Universidad Complutense de Madrid | Theoria: Proyecto Crítico de Ciencias Sociales | E-mail: marxismo@theoria.org

<<< HOME