Materialismo Histórico y Teoría Crítica
TÍTULO PROPIO DE LA UNIVERSIDAD COMPLUTENSE - MADRID

    materiales | 12.Diciembre.2002


Marxismus und Feminismus – Facetten einer vielschichtigen Beziehung (1)
Hildegard Maria Nickel, Humboldt-Universität zu Berlin
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I. Marx, Engels und die (westliche) feministische Debatte
II. Die feministische Debatte um Arbeit
III. Die Wiederentdeckung der Frauenfrage als sozialer Frage? Feministische Utopien
Literaturverzeichnis

I. Marx, Engels und die (westliche) feministische Debatte

In den Werken von Marx und Engels finden sich zwei Betrachtungsweisen des Geschlechterverhältnisses:
Erstens eine soziologisch-empirische: Marx und Engels untersuchten den Wandel der englischen Familie unter dem Einfluss des Fabriksystems. Vor allem Engels sammelte in einer der frühesten soziologischen Arbeiten in Deutschland (Heinz Maus), in “Die Lage der arbeitenden Klasse in England”, 1845, Daten über Arbeiterfamilien. Sie flossen in Sozialenqueten der Sozialausschüsse des englischen Parlaments ein und sind als sozial-empirisches Material der Zeit bis heute von hoher Evidenz. Mit diesen Analysen kommt wohl erstmalig überzeugend in den Blick, dass die Klassengesellschaft sich auch vermittels klassen- bzw. schichtspezifischer Familienstrukturen reproduziert. Während die Naturrechtstheorien und vor allem die “politischen Aritmetiker” (Schwägler) dieser Zeit, die überwiegend Haushaltsbugets von Landarbeitern erhoben, die Ursachen wirtschaftlicher Verelendung in den Familien selbst, in ihrer moralischen Unzulänglichkeit und Verschwendungssucht finden, thematisieren Marx und Engels außerfamiliäre Verelendungsursachen. Auf der soziologisch-empirischen Ebene analysieren sie den Wandel der Familienstruktur beim Übergang von der Haus- zur Fabrikindustrie und stoßen dabei auf Veränderungen in der sozialen Rolle von Mann, Frau und Kindern und auf den Wandel der Autoritätsverhältnisse in den Familien. Als erste thematisieren sie die desorganisierenden Auswirkungen unterschiedlicher Arbeitszeiten (z. B. Schichtarbeit von Mann, Frau und Kindern) auf das Familienleben. Dennoch: “So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichts desto weniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen, jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter.” (Kapital Bd 1, S. 514)

Vor allem diese zweite Betrachtungsweise, die in dem Zitat durchscheint, die entwicklungsgeschichtliche und gesellschaftsanalytische, hat den modernen Feminismus mal verdeckter, mal offener und direkter in seinem Kern berührt.

Der Feminismus wie auch die Frauenforschung haben mit der “zweiten Welle” der Frauenbewegung, die Ende der 60er Jahre beginnt, vor allem aber in den letzten 10 - 15 Jahren, einen enormen Differenzierungs- und Bedeutungswandel erfahren. Gleichwohl glaubt Ursula Beer (1990) heute feststellen zu können, dass im Zentrum der feministischen Debatte immer wissenschaftliche Positionen standen, die sich zwar stets kritisch gegenüber dem historisch-materialistischen Denkmodell verhielten, gleichwohl sich irgendwie auch darauf stützten und es benutzten, um es auf eigene Weise weiter zu entwickeln. Zu nennen ist zum Beispiel die damals heiß diskutierte Arbeit von Shulamith Firestone, The Dialektic of Sex, 1970, deutsch 1972, die unter Bezug auf Engels in der natürlichen Arbeitsteilung, nämlich in der Tatsache, dass Frauen gebären, die eigentliche Ursache der sozialen Ungleichheit der Geschlechter sah. Die Lösung des Problems versprachen damals die noch positiv besetzten modernen Reproduktionstechnologien, weil sie Perspektiven eröffneten, die jenseits der “natürlichen Arbeitsteilung” lagen.

Theoriekritisch und differenzierter schlossen dann, und zwar unter Einbezug Althusserscher Positionen, Feministinnen aus Großbritannien am Marxismus an. Michéle Barrett legte mit ihrem Buch “Women’s Oppression today”, 1980, Umrisse eines materialistischen Feminismus dar, die bis heute die Feminismusdiskussion wesentlich beeinflussen.

Die feministische Debatte in den USA, die mit einer vergleichsweise raschen und breiten Etablierung der Frauenforschung als akademischer Disziplin an Universitäten und Colleges einherging, hat spätestens Ende der 80er Jahre dann jenen Wissenschaftspluralismus hoffähig gemacht, der bis heute die Tagesordnung des internationalen feministischen Diskurses bestimmt. Aber auch hier hat sich in den Positionen von Seyla Benhabib und modifiziert auch in denen von Nancy Fraser und anderen der materialistische Feminismus als relevante Strömung erhalten. Ursula Beer hält demzufolge wohl zurecht fest: “Heute wird die Bezeichnung Frauenforschung von einem wissenschaftspluralistischen Spektrum reklamiert, das von dezidierter Ablehnung dieses (materialistischen, H. M. N.) Denkmodells bis zu seiner Verteidigung in der originären Fassung reicht.” (Beer 1990: 20)

Dieses Spektrum wurde jüngst erst exemplarisch deutlich in der Auseinandersetzung zwischen Christina Thürmer-Rohr und Frigga Haug. Betont Christina Thürmer-Rohr, dass feministische Kritik “trotz mancher ihrer Begrifflichkeiten nur zu einem relativ kleinen Teil in marxistischer Theorie verwurzelt” (Forum Wissenschaft 4/96: 25) ist, statt dessen aber zu einem “viel größeren Teil” feministische Gesellschaftskritik ein eigenständiges Anfangen mit höchst heterogenen politischen Ansätzen gewesen sei, die “ihr Zentrum keineswegs alle im Arbeitsbegriff und Reproduktionsbereich” hatten. Die Frauenbewegung und -forschung seien demzufolge auch kein Ableger und keine Juniorpartnerinnen des Marxismus. Für für Frigga Haug hingegen ist “Feminismus und Marxismus ineinander zu denken,... die einzige Weise”, wie sie “marxistisches Denken fassen kann, und zugleich ... diejenige, wie feministisches Denken umfassend befreiend auszulegen ist,” denn die radikalen Entwürfe von Marx enthielten den Aufruf, die Kritik auf den Marxismus selbst und kontinuierlich zu beziehen. Insofern sei der Marxismus zwar “die radikalste Weise, Vergesellschaftung zu denken,” aber keine “Art Schule”, “kein Kanon”, sondern selbst “ein Projekt, das sich stets verändert, weiter zu entwickeln ist (Forum Wissenschaft 4/96: 26).

Angelika Wetterer und andere haben in der Diskussion um Ansätze in der Frauenforschung und um Differenzierungs- und Pluralisierungstrends im Rahmen des Feminismus das Generationenargument stark gemacht. Wetterer schreibt die materialistische Perspektive vor allem der ersten Generation von Frauenforscherinnen, der “Gründerinnen-Generation” zu, die zweite Generation sei demgegenüber eher theorieabstinent und als “Macherinnen und Projektfrauen” vornehmlich pragmatisch orientiert. Die dritte Generation nun aber seien die “aufmüpfigen Töchter”, “Konsumentinnen”, die in der “Dekonstruktion” den methodologischen Antipoden zum Marxismus, “eine Art Zauberstab” sehen, “bei dessen bloßer Erwähnung die altmodische Geschlechterdifferenz die Flucht ergreift und Zeiten beginnen, die kreativer, subversiver und in jedem Falle aufregender sind als die alten, denen sie sich sowieso nie ganz zugehörig fühlten” (Wetterer 1995: 224). Für diese dritte Generation “scheint mit der Dekonstruktion ein Problem aufgegriffen, das sich zur theoretischen Distanzierung von den ‘Müttern’ eignet und das ihrem Selbstverständnis und ihrer Alltagspraxis weit näher liegt als die ordentlichen Gesellschaftsanalysen derjenigen, die sich durch Marxismus ... zu den ersten Konzepten feministischer Theorie durchgearbeitet haben” (ebenda).

Ohne dass dem Generationenansatz hier weiter nachgegangen werden kann, sollen im folgenden einige Beispiele der Verbindung von Feminismus und Marxismus aufgezeigt werden. Das kann selbstverständlich nur schlaglichtartig geschehen und wird der Vielschichtigkeit und dem Fassettenreichtum der Debatten ganz sicherlich nicht gerecht. Dabei sollen auch einige Paradoxien sichtbar werden, die Cornelia Klinger pointiert zusammengefaßt hat: Marx und Engels haben die Histiorizität des Geschlechterverhältnisses und das Geschlechterverhältnis als soziales Verhältnis thematisiert. Damit haben sie das Geschlechterverhältnis nicht nur entmythologisiert, sondern es auch entbiologisiert. Zugleich aber - so Klinger - laufen Marx und Engels selbst immer wieder in die “Naturfalle” (2).

Jutta Menschik fasst in den 70er Jahren zusammen, auf welche Positionen sich der materialistische Feminismus zunächst stützte: Erstens, durfte mit Marx und Engels begründet angenommen werden, dass nicht biologische, sondern soziale Ursächlichkeit die Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Manne erkläre. Dies nachzuweisen, sei insbesondere Engels gelungen. (Menschik 1977: 127)

Zweitens war mit Marx und Engels zu begreifen, dass die Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere historisch mit der Entstehung von Klassengegensätzen zusammenfällt. (Menschik 1977:127)

Drittens konnte die bürgerliche Familienstruktur im Zusammenhang mit der Entstehung von Privateigentum analysiert und diskutiert werden. Es kam in den auf den Marxismus zurückgreifenden Debatten zum einen darauf an zu begreifen, wie die Geld- und Warenbeziehungen die menschlichen Beziehungen und Verkehrsformen bestimmen, zum anderen ging es darum, Einsicht in die historische Wandelbarkeit von Familienbeziehungen zu gewinnen. Während für die “bürgerlichen Apologeten” der Familie diese auch noch während und trotz der familienzersetzenden Bedingungen des frühen Kapitalismus nicht nur religiös, sondern auch sozial und politisch ein Heiligtum ist, das durch die Familiensitte erhalten und bewegt wird, gehörten nach den Frühsozialisten, Marx und Engels zu den ersten, die die “ideologischen Nebelgespinste” zerrissen. Sie hielten die Familie nicht für ein sittliches Tabu, sondern stellten sie in ihrem ökonomischen Zusammenhang und Ursprung dar. (Menschik 1977: 128)

Viertens schließlich war für den materialistischen Feminismus zunächst auch relevant, dass der Marxismus den Weg beschrieb, den die Frauen beschreiten müssen, um aus der “familialen Sklaverei” herauszukommen: Die Überwindung der Beschränkung auf häusliche Privatarbeit durch Teilnahme an der “produktiven Arbeit”. (Menschik 1977: 129)

Das Engelsche Werk “Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates” hatte - so fragwürdig die Befunde zum Matriarchat aus heutiger Sicht auch sein mögen - gerade wegen der entwicklungsgeschichtlichen Perspektive, die sich mit ihm jenseits des Patriarchats eröffneten, zunächst enorme sinn- und identitätsstiftende Funktion für die Frauenbewegung (Lerner 1991). Engels’ Beschreibung der “naturwüchsigen” Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau lese sich heute zwar wie die Darstellung eines europäischen Bauernhaushalts, zurückdatiert in die Vorgeschichte und die ethnographischen Informationen, auf die Engels sich stützte, haben sich überwiegend als unzutreffend erwiesen, dennoch sei evident, dass Engels wichtige Beiträge zum Verständnis der Position der Frau in Gesellschaft und Geschichte formuliert habe (Lerner 1991: 40). Dazu zählt nach Lerner, dass er auf den Zusammenhang zwischen strukturellen Veränderungen in den Verwandtschaftsbeziehungen und Veränderungen der Arbeitsteilung einerseits und der Stellung der Frau in der Gesellschaft andererseits hinwies. Er zeigte zweitens den Zusammenhang zwischen der Entstehung des Privateigentums, der Monogamie und der Prostitution auf. Drittens arbeitete er den Zusammenhang zwischen ökonomischer und politischer Herrschaft des Mannes und der Kontrolle über weibliche Sexualität heraus. Schließlich gab Engel durch “die zeitliche Einordnung der ‘weltgeschichtlichen Niederlage des weiblichen Geschlechts’ in die Periode der Herausbildung von archaischen Staaten ... dem Ereignis eine geschichtliche Dimension. Obwohl er keine dieser Behauptungen beweisen konnte, definierte er die ein Jahrhundert lang bestimmenden Fragestellungen” (Lerner 1991: 42).

Wenn die Entstehung des Privateigentums und der damit verbundenen Institutionen historisch nun aber die Ursache für die “Versklavung” der Frau war und der “erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, mit der Entwicklung des Antagonismus zwischen Mann und Weib in der Einzelehe und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche” (Engels 1962: 72) zusammenfallen, dann ergibt sich daraus die logische Schlußfolgerung, dass einerseits die Abschaffung des Privateigentums die Befreiung der Frau zur Folge haben muß und andererseits die Beseitigung von Männerherrschaft Klassenkampf ist. Die Gleichsetzung des “Klassenantagonismus” mit (bürgerlich-patriarchalen) Geschlechterbeziehungen hat - wie sich bei genauerer Betrachtung zeigt - nicht nur das Theorie- und Politikverständnis in der DDR in eine Sackgasse geführt, sondern zum Teil auch die westliche Frauenbewegung.

II. Die feministische Debatte um Arbeit

An dieser Stelle soll ein Punkt besonders hervorgehoben werden, der in der feministischen Arbeits-Debatte Bedeutung hat: Beer stellt zurecht fest, dass die in der marxistischen Forschung ausgetragenen Kontroversen um die Werttheorie sich im engeren Sinne auf ökonomische Fragen und Problemstellungen beziehen. Sie berühren das Geschlechterthema nicht oder kaum. Und "Frauenforscherinnen haben bisher nicht versucht, sich in die Debatte einzuschalten." (S. 44) Einen Grund dafür sieht Beer darin, dass die Frauenforscherinnen keinen theoretisch überzeugenden Aufschluß darüber besitzen, “wie Frauenarbeit in ihrer Interdependenz von entgeltlicher und unentgeltlicher Arbeit mit dem ‘inneren Band’ einer kapitalistischen Ökonomie verflochten ist.” Die feministische Forschung dreht sich, sofern sie werttheoretisch argumentiert, noch immer um die Schnittstelle, die theoretisch die "Reproduktion von Arbeitskraft" mit dem materialen familialen ReproduktionsProzess verbindet (Beer 1990: 45).

Die inzwischen viel zitierte Passage, die den historisch-materialistischen Erkenntnisanspruch der Frauenforschung begründet, lautet: "Die Produktion des Lebens sowohl des eigenen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung erscheint nun sogleich als ein doppeltes Verhältnis - einerseits als natürliches, andererseits als gesellschaftliches Verhältnis -, gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird. Hieraus geht hervor, dass eine bestimmte Produktionsweise oder industrielle Stufe stets mit einer bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist, und diese Weise des Zusammenwirkens ist selbst eine Produktivkraft, dass die Menge der den Menschen zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt und also die Geschichte der Menschheit stets im Zusammenhang mit der Geschichte der Industrie und des Austausches studiert und bearbeitet werden muß" (Marx/Engels, Werke Band 3: 29). Dieses – von Beer als vollständig bezeichnete – Materialismuspostulat wird als Grundlage einer theoretischen Konzeptualisierung verstanden, die die unentgeltliche Frauenarbeit im Haushalt, die außerhalb des Marktes geleistet wird, als Bestandteil der Produktion von Lebens- Mitteln und die Gebärtätigkeit von Frauen als Bestandteil der Produktion von Leben auszuweisen vermag. (Beer 1990: 71-72)

Indem die private und reproduktive Arbeit als “Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit” und “von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen” als “ewige Naturnotwendigkeit” erscheint, “um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur als menschliches Leben zu vermitteln” (Marx/Engels, Werke, Band 23, S. 57), wird sie der produktiven Arbeit zwar ideell gleichgestellt, und damit aufgewertet, allerdings zunächst nur in einem philosophischen (und moralischen) Sinne. Das ist zweifellos wichtig, geht am Kern des konkreten Ungleichheitsverhältnisses der Geschlechter und am Problem der Verteilungsgerechtigkeit unter den Krisenbedingungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts aber vorbei, denn das ‘strategische Feld’ (Kreckel) des (Geschlechter)Kampfes um Ressourcen ist die Erwerbsarbeit!

Marx zufolge wird mit der kapitalistischen Produktionsweise der Bereich der Arbeit als solcher aus seinen gesellschaftlichen Verflechtungen der vorbürgerlichen Epoche gelöst und tritt unter der Regie des Kapitals als über den Markt vermittelte Sphäre der Erwerbsarbeit zum ersten Mal in der Geschichte “rein” hervor. War in vorbürgerlichen Verhältnissen der Stamm bzw. die Familie das Zentrum von Produktion und Verteilung, geschah die Vergesellschaftung der Arbeit in persönlichen Abhängig-keitsverhältnissen und unter der Autorität des Familienoberhaupts, so wird dieser Zusammenhang im Kapitalismus umstrukturiert: die Familie verliert ihre Bedeutung als ökonomisches Zentrum, Produktion und Reproduktion werden zu zwei gegeneinander verselbständigten Sphären ausdifferenziert. Im Prozess der realen Etablierung der kapitalistischen Gesellschaft setzt - nach Marx - ein Prozess der Herauslösung des Individuums - soweit es arbeitendes Individuum ist - aus den verwandtschaftlichen, religiösen und politischen Beziehungen ein, so dass “das Exploitationsverhältnis alle patriarchalen und politischen Verquickungen ausscheidet” (MEGA II, 3.6, S. 2137). Die Existenz der kapitalistischen Produktion hat zur Grundlage, dass blutsverwandschaftliche, familiäre, religiöse und politische Beziehungen (tendenziell) aus dem Umkreis des Systems gesellschaftlicher Arbeit herausgelöst sind, allerdings ohne dass diese tradierten Sozialverhältnisse völlig verschwunden sein müssen. Nur soweit das Individuum als arbeitendes auftritt, muß es frei von diesen Verhältnissen sein, also doppelt frei(e) Lohnarbeit(erIn). Es kommt zu einem Nebeneinander von versachlichten ökonomischen Verhältnissen einerseits und persönlichen Verhältnissen andererseits, die die Beziehung der Individuen in der Familie und in anderen sozialen Institutionen innerhalb wie außerhalb der Erwerbsarbeit bestimmen; patriarchale Formen bestehen weiter fort. Klasse und Geschlecht bezeichnen zwei verschiedene, voneinander getrennte Sozialstrukturen in dem Sinne, dass sie zwar im realen Alltag der Individuen ineinander greifen, aber nicht notwendig und systematisch im sozialökonomischen Prozess miteinander verknüpft sind.

Mit dem Verweis auf die doppelte Struktur von Produktion und Reproduktion im Kapitalismus ist zunächst einmal nur bekräftigt, dass die eine auf die andere und vice versa nicht reduzierbar und mithin beide nicht auseinander ableitbar sind. Mit dieser Bekräftigung ist allerdings die Ungleichheit der Geschlechter im Sinne von Benachteiligung und Privilegierung nicht erklärt. Ohne Zweifel haben wir es mit einem unter kapitalistischen Verhältnissen fortwirkenden Patriarchalismus zu tun, mit einem Fortwirken historisch gewordener geschlechtsspezifischer Ungleichheit.

Der “doppelte Sekundärpatriarchalismus” (Beer 1990) bewirkt nach Beer, dass Lohnarbeitskraft als “ungeschlechtliche” nicht denkbar sei. Dem ist allerdings entgegen zu halten: Das als Ware “Arbeitskraft” interessierende entfesselt kämpfende Individuum ist “ungeschlechtlich” und darf längst – wie insbesondere die USA zeigen – ein “vom Sozialballast” befreites weibliches Individuum sein. Genau an diesem Punkte müsste ein Ost-West-Brücken-Diskurs um Arbeit ansetzen, denn ostdeutschen Frauen geht es weniger um die moralische Aufwertung von privater Reproduktionsarbeit als um existenzsichere Erwerbsarbeit. Die Erwerbsorientierung und der -willen von ostdeutschen Frauen sind, so scheint es, nicht nur generell, sondern auch von der bundesrepublikanischen Frauenforschung bisher kaum ernsthaft aufgenommen worden.

III. Die Wiederentdeckung der Frauenfrage als sozialer Frage? Feministische Utopien

Die derzeitige Krise des Wohlfahrtsstaates hat – nach Nancy Fraser – viele Ursachen: die Globalisierung, die – wie Beck es formuliert – "eine Attacke einleitet, den historischen Kompromiß zwischen Arbeit und Kapital, der die Konfliktdynamik der ersten Moderne stillgelegt hatte, auszuhebeln ... (und) ein anderes Wort für Klassenkampf von oben" (Beck 1996) ist; den Zusammenbruch des Staatssozialismus; die Schwächung der Gewerkschaften und der Arbeiterparteien und so weiter; "aber ein absolut entscheidender Faktor ist der Zerfall der alten Geschlechterordnung. Die bestehenden Wohlfahrtsstaaten basieren auf Annahmen über die Geschlechter, die immer weniger mit dem Leben und dem Selbstverständnis vieler Menschen übereinstimmen. Sie bieten daher keinen angemessenen sozialen Schutz, insbesondere nicht für Frauen und Kinder. Die Geschlechterordnung, die jetzt verschwindet, entstand in der industriellen Ära des Kapitalismus ... Sie war um das Ideal des ‘Familieneinkommens’ zentriert." (Fraser 1994: 351) und Fraser fragt: Welche neue, postindustrielle Geschlechterordnung könnte das Familieneinkommen ersetzen?” Momentan seien im wesentlichen zwei feministische Visionen in der Debatte: "Die erste nenne ich das Modell der allgemeinen Erwerbstätigkeit, diese Vision bestimmt implizit die heutige politische Praxis der meisten Feministinnen .... in den USA. Sie zielt darauf ab, die Gleichheit der Geschlechter dadurch zu fördern, dass sie die Erwerbstätigkeit von Frauen fördert; das Kernstück dieses Modells ist die staatliche Bereitstellung von Einrichtungen, die die Erwerbstätigkeit von Frauen ermöglichen, wie beispielsweise Kindertagesstätten." (Fraser 1994: 354)

Die zweite Vision ist "das Modell der Gleichstellung der Betreuungsarbeit. Diese Vision bestimmt implizit die heutige politische Praxis der meisten Feministinnen ... in Westeuropa. Sie zielt darauf ab, die Gleichheit der Geschlechter hauptsächlich dadurch zu fördern, daß sie die informelle Betreuungsarbeit unterstützt; das Kernstück dieses Modells ist die staatliche finanzielle Unterstützung der Betreuungsarbeit" (Fraser 1994: 355).

Fraser selbst hält die Integration beider Modelle für das eigentlich erstrebenswerte Ziel, und angesichts der Arbeitsmarkt-Krise in der Bundesrepublik wäre das wohl auch ein gangbarer und pragmatischer Weg des Brückenschlags zwischen der Produktions- und Reproduktionssphäre. Ich selbst will freilich nicht verhehlen, dass ich die erste Vision für emanzipativer als die zweite halte, möglicherweise weil sie eher den “Erinnerungsspuren” meiner ostdeutschen Sozialisation entspricht.

Das eigentlich Bemerkenswerte, auf das ich zum Schluß hinaus will, ist aber folgendes: Mit dem (marxistischen) Materialismus scheint ein Vorzug verbunden zu sein, auf den Beer und andere – bei der Aufzählung seiner feministischen Potentiale – nicht gekommen oder nicht eingegangen sind, der zugleich aber für den praktischen Feminismus ganz wesentlich und immer wieder handlungsleitend ist: Der tiefe Glaube an die Veränderbarkeit der Welt. Ganz in diesem Sinne schließe ich mit einem Fraser-Zitat, das wohl nicht zufällig in der Diktion an Marx erinnert: "Es kommt darauf an, sich soziale Bürgerrechte für Erwachsene vorzustellen, die Erwerbsarbeit, Betreuungsarbeit, Aktivitäten für die Gemeinschaft, Mitwirkung am politischen Leben und Engagement in der Zivilgesellschaft miteinander verbinden - und noch Zeit für vergnügliche Dinge ermöglichen. Dies ist die einzige vorstellbare postindustrielle Welt, die die volle Gleichheit der Geschlechter verspricht. Und wenn wir uns nicht von dieser Vision leiten lassen, werden wir diesem Ziel niemals näher kommen." (Fraser 1994: 372)


Literaturverzeichnis:

Beck, Ulrich (1996): "Kapitalismus ohne Arbeit". In: Der Spiegel 20/1996, S. 140-146.
Beer, Ursula (1990): Geschlecht, Struktur, Geschichte. Frankfurt/New York.
Der soziale Ursprung des Patriarchats. Frauen, Familie und Gesellschaftsformation (Gemeinschaftsarbeit SOST, 1984) Hamburg.
Engels, Friedrich (1962): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. In: Marx/Engels Werke, Bd. 21, Berlin.
Forum Wissenschaft 4/96
Fraser, Nancy (1994): "Die Gleichheit der Geschlechter und das Wohlfahrtssystem". In: Honeth, Axel (Hrsg.): Pathologie des Sozialen. Die Aufgabe der Sozialphilosophie. Frankfurt/Main.
Geissler, Rainer (1992): Die Sozialstruktur Deutschlands. Opladen.
Hüning, Hasko; Nickel, Hildegard Maria (1996): "Geschlechterpolitik in der Krise - Zu Fragen feministischer Politik in Zeiten der Transformation". In: Ingrao, P., Rossanda, R.: Verabredungen zum Jahrhundertende, Hamburg.
Kreckel, Reinhard (1995): "Makrosoziologische Überlegungen zum Kampf um Normal- und Teilzeitarbeit im Geschlechterverhältnis". In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 4.
Lerner, Gerda (1991) Die Entstehung des Patriarchats, Frankfurt/New York.
Marx, Karl: Das Kapital (Erster Band). In: Marx/Engels, Werke, Band 23, Berlin 1962.
Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie. In: Marx/Engels Werke Band 3, Berlin 1958.
Menschik, Jutta (1977): Feminismus-Geschichte, Theorie, Praxis, Köln.
Milz, Helga (1994): Frauenbewußtsein und Soziologie. Opladen.
Müller, Ursula (1996): "Besserwissende Schwestern? Eine erfahrungsgesättigte Polemik". In: Lenz, Ilse; Germer, Andrea (Hrsg.): Wechselnde Blicke. Frauenforschung in internationaler Perspektive. Opladen.
Nickel, Hildegard Maria (1990): "Frauen in der DDR". In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 16-17/90, 13. April 1990, S. 39-45.
Nickel, Hildegard Maria (1996): "Feministische Gesellschaftskritik oder selbstreferentielle Debatte?" In: Berliner Journal für Soziologie 3/1996, S. 325-338.
Schwägler, Georg (1970): Soziologie der Familie, Tübingen.
Trappe, Heike (1995): Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik, Berlin.
Vileisis, Danja (1996): Engels Rolle im “unglücklichen Verhältnis” zwischen Marxismus und Feminismus, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 1996, Hamburg.
Wetterer, Angelika (1995, Hrsg.): Die Soziale Konstruktion von Geschlecht in Professionalisierungsprozessen, Frankfurt/Main.
Young, Brigitte (1997): Triumph of the Fatherland: Unification Confounds German Women, Habilitationsschrift Freie Universität Berlin.
Zetkin, Clara: Ausgewählte Reden und Schriften, Band I, Berlin 1957


(1) Entnommen aus: Nickel, Hildegard M., 2001: "Frauenfragen zum Marxismus: Marx, Engels und die feministische Debatte um Arbeit", in: Gerhard, Volker (Hrsg.): Marxismus. Versuch einer Bilanz, Magdeburg: Edition Humboldt, S. 541-564.
(2) Cornelia Klinger: “Für den Staat ist das Weib die Nacht” - Geschlechterverhältnis, Politik und Demokratie, Vortrag im Rahmen der 8. Jahrestagung Förderprogramm Frauenforschung des Senats von Berlin 11. November 1997

Universidad Complutense de Madrid | Theoria: Proyecto Crítico de Ciencias Sociales | E-mail: marxismo@theoria.org

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